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Heiligtümer des Todes Teil I
Harry Potter – düster wie nie

Liebe und Leid: Szenen aus Harry Potter und die Heiligtümer des Todes
Liebe und Leid: Szenen aus Harry Potter und die Heiligtümer des Todes FOTO: 2010 Warner Bros. Ent.
Düsseldorf (RP). Die letzte Episode der Saga um den Zauberlehrling kommt in zwei Lieferungen ins Kino. Teil eins startet Mittwoch. Darin wird der Kampf gegen das Böse vorbereitet. Angst und Eifersucht drücken auf die Stimmung, doch der große Knall bleibt aus. Ein ambitionierter, sehenswerter Film. Von Philipp Holstein

Das Böse hat über die Leinwand geleckt, nun wird sie nicht mehr richtig hell. Die Bilder flackern hinter einem Schleier aus Furcht, Misstrauen und Eifersucht, und die Geschichte, die sie erzählen, hat nur ein Thema: Abschied. Die Jugend ist zu Ende, der Weg nach Hause verstellt, geliebte Personen sterben, und der Glaube an das Gute im Menschen wird brüchig. Das ist die Atmosphäre im intensiven Finale von Joanne K. Rowlings Saga über den erwählten Zauberlehrling, die als phantastische Internatskomödie begann und inzwischen mit einem Bein im Horror-Genre steht. Die letzte Abteilung "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" kommt in zwei Lieferungen ins Kino: Nummer eins am Mittwoch, Nummer zwei am 14. Juli 2011.

Dieser erste Teil ist ein ausnehmend düsteres Werk, unter regenschwerem Himmel psychologisch tiefsinning von David Yates inszeniert. Nach dem Tod des Beschützers Dumbledore ist es an Harry (Daniel Radcliffe) und seinen Freunden Ron (Rupert Grint) und Hermine (Emma Watson), ganz allein die so genannten Horkruxe zu finden, magische Gegenstände, in denen Teile der Seele von Voldemort verschlossen sind. Die Personifizierung des Ur-Bösen, der dunkle Lord Voldemort (Ralph Fiennes), hat die Macht im Zaubereiministerium und im Internat Hogwarts an sich gerissen. Nun sucht er seinen einzigen ernstzunehmenden Widersacher: Harry Potter.

Eines der stärksten Bilder liefert das erste Abtasten der beiden. Voldemort versucht, Harry zu töten, der wehrt sich, und in langen Sekunden des Durchhaltens spaltet Harry den Zauberstab des rasenden Voldemort von der Spitze bis an die Wurzel. Es herrscht Krieg.

Untergangsszenarien mit Gruß von Orwell

Harry und seine Freunde sind also auf der Flucht, drei unbehauste Menschen in der Zwischenzeit: die Kindheit verloren, die Zukunft ungewiss. Sie durchschreiten Landschaften, die entvölkert sind wie die Untergangsszenarien Cormac McCarthys, sie campieren im Wald, denn die Welt ist unbewohnbar geworden: Böse Zauberer in SS-Mänteln machen Jagd auf alle, die nicht "reinen Blutes" sind. "Die Heiligtümer des Todes" erzählt vom Leben in der Diktatur, die viktorianische Romantik der Interieurs ist kargen Ausstattungen gewichen, die wilden Schnitte der früheren Lieferungen gibt es nicht mehr. Es schneit, die Kälte kriecht lautlos unter die Kleidung. Der Unmensch dem Muggel ein Wolf. Orwell grüßt von ferne.

David Yates nimmt sich extrem viel Zeit, er bringt Ruhe in die Bilder. Da die Hauptfiguren nicht wissen, wo sie die Horkruxe finden sollen und ständig Spuren suchen, Hinweisen nachgehen und auf Zufälle hoffen, hat der Film im Mittelteil etwas Vages. Es fehlt die Strukturierung durch Schulalltag, Unterricht und Sommerferien. Viele werden den großen Knall erwartet haben, doch der bleibt aus. Nicht zum Nachteil des Ganzen indes.

Die Stimmung vibriert, sie flimmert vor Spannung, es sind rasch durchlebte 145 Minuten. Nur wenn Yates das Böse beschreibt, bricht er aus: Jeder Kampf geht nun um Leben und Tod, Verletzungen und Folter müssen überstanden werden. Blut, zuckendes Fleisch. Auf dem Höhepunkt des Exzesses blendet Yates stets aus. Doch die Geräuschkulisse sorgt für fortwährende Schauerlichkeit, ihre Hauptelemente sind Knirschen, verzerrtes Schreien und ein Gurgellaut vom Beckenboden des Orkus.

Eine studie über Angst und Manipulation

Die Freunde ächzen unter der Last der Weltrettung, des drohenden Kampfes, der über Wohl entscheidet und über Wehe. Harry darf nur kurz mit Ginny Wesley poussieren. Hermine und Ron sind ein Paar, aber Ron sieht Gespenster, er unterstellt Harry, etwas mit Hermine zu haben, und Hermine, etwas mit Harry, und so fort. Er lässt die beiden allein, und nun wird der Film zu einer Studie über Angst und die Möglichkeiten, Menschen zu manipulieren und zu brechen. Einmal tanzen Harry und Hermine miteinander, das Radio spielt einen Song von Nick Cave, sie werden gewahr, dass da niemand mehr ist, der hilft, und es fühlt sich verdammt kitschig und irgendwie gut an.

Die Macher des Films haben Konkurrenz-Serien wie die "Twilight"-Reihe und "Herr der Ringe" genau studiert. Die Britishness der Fabel ist kaum noch zu schmecken, man orientiert sich jetzt stark an den erfolgreichen und womöglich zeitgemäßeren Vergleichsprodukten aus den USA. Yates erlaubt sich zudem ambitionierte Einschübe wie das wunderbare, scherenschnittartig bebilderte Märchen von den drei Brüdern, die den Tod zu überlisten versuchen. Harry Potter ist längst etwas für Erwachsene.

Allein Hermine sorgt für heitere Momente. Sie ist zur Hauptfigur der Reihe geworden, auch weil Emma Watson die Kollegen an Talent übertrifft. Das ist der Running Gag der Geschichte: Hermine hat eine modische Stofftasche bei sich, sie hat sie verzaubert, und so birgt das Ding alles, was man in der Wildnis braucht: Wollpulli, 30-Quadratmeter-Zelt, Heilsaft, Zaubertrank, Bücher. Kurzes Lächeln. Dann endet der Film so düster, wie er beginnt.

Aber noch ist nichts verloren.

Quelle: RP
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