Viel Action und etwas zu wenig Charme: "Harry Potter und die Kammer des Schreckens"
zuletzt aktualisiert: 11.11.2002 - 08:51Frankfurt/Main (rpo). Harry Potter ist zurück auf der Leinwand. In "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" gibt es dramatische Effekte und viel Wirbel - ein Film mit so finsterer Grundstimmung, dass lange über die Altersfreigabe diskutiert wurde.
Das Rennen ist eröffnet: 12,3 Millionen Zuschauer ist die Marke, die es zu übertreffen gilt, wenn ab 14. November "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" in den deutschen Kinos zu sehen ist. Im vergangenen Jahr war das erste Leinwand-Abenteuer des netten Nickelbrillenjungen mit den magischen Kräften einer der absoluten Kassenschlager hier zu Lande, das soll sich nicht nur wiederholen, sondern noch übertroffen werden, damit die bislang schwächelnde Besucherbilanz 2002 den erhofften Schub zum Jahresende bekommt.
Wie bei "Harry Potter und der Stein des Weisen" spielt abermals der inzwischen 13-jährige Daniel Radcliffe die Titelrolle. Und auch der ein Jahr ältere Rupert Grint als sein Freund Ron Weasley und die ein Jahr jüngere Emma Watson als gemeinsame Freundin Hermine Granger sind abermals mit von der Partie. Und auch nur gemeinsam können sie all die Gefahren überstehen, denen sie in dem aktionsgeladenen Geschehen ausgesetzt sind, das volle zweieinhalb Stunden lang nicht nur die Nerven, sondern auch die Geduld der in der Mehrzahl ganz jungen Zuschauer strapaziert.
Harry-Potter-Autorin Joan K. Rowling schreibt ja ausgesprochen dicke Bücher, entsprechend lang fallen auch die Verfilmungen aus. Der amerikanische Regisseur Chris Columbus, der schon den ersten Streifen inszenierte, hat diesmal noch mehr auf Action, Tempo und Tricktechnik gesetzt. Das hält den Betrachter zwar in Atem, vertreibt aber auch den spezifischen Reiz, die aus Millionen eher lesefaulen Kindern und Jugendlichen regelrechte Leseratten machte und noch immer macht. Für Dialoge, Figurenzeichnung, die besondere Atmosphäre der Zauberschule Hogwarts sowie den dort stattfindenden Unterricht in den absonderlichsten Fächern bleibt allzu wenig Raum und Zeit.
Columbus setzt in Hollywood-Manier auf dramatische und visuelle Effekte, wobei er und sein hochprofessionelles Team bei letzteren etliche Sensationen zu bieten haben. Dazu gehört der verblüffend echt agierende Haus-Elf Dobby. Diese ausschließlich computeranimierte Figur wird sich mit Sicherheit in alle Herzen spielen und zählt zu den Trümpfen des Films. Auch das fliegende Auto, das mit den kleinen Helden in einem aggressiven Riesenbaum landet, vollführt ein sehenswertes Spektakel. Weniger angenehm ist es, wie manchmal zu sehr Grusel- und Schockelemente das Geschehen bestimmen.
Weil der Film nach einigem Hin und Her nun doch ab sechs Jahren freigegeben wurde, ist die Frage sicher nicht unberechtigt, ob das schon die richtige Kost für Kinder unter zwölf Jahren ist. Die getroffene Altersfreigabe hat eindeutig einen kommerziellen Hintergrund. Aber das trifft auf die Harry-Potter-Verfilmungen ohnehin zu, denn die Lesebegegnung mit dem Helden und all den aus der Fantasie Rowlings entsprungenen Figuren ist wohl allemal einem Kinobesuch vorzuziehen. Gleichwohl bietet dieser bis in die kleinste Nebenrolle ein Wiedersehen mit der Elite britischer Schauspieler.
Letztmals ist dabei der kürzlich verstorbene Richard Harris als ehrwürdiger Professor Dumbledore zu bewundern, diesen Part wird man in künftigen Harry-Potter-Verfilmungen neu besetzen müssen. Kenneth Branagh spielt hinreißend den eitlen Antizauberer Gilderoy Lockhart, der schwergewichtige Robbie Coltrane mimt mit angeklebten Riesenbart Rubeus Hagrid, Alan Rickman den düsteren Lehrer Snape und Maggie Smith ist wieder die gütige Zauber-Professorin McGonagall.
Der fünffache Oscar-Preisträger John Williams hat die oft allzu schwülstige, aber auch eingängige Musik komponiert, Kameramann Roger Pratt sorgte für die betont finstere Grundstimmung, die den zweiten Film um Harry Potter prägt. Handwerklich und tricktechnisch ist an ihm nichts auszusetzen. Aber es ist eben von Anfang bis Ende kalkuliertes Kino, das nicht nur kindliche Gemüter eher bombardiert als bewegt. Doch wenn all die Millionen auf der Welt, die in den ersten Film strömten, auch in den neuen "Harry Potter" ihr Eintrittsgeld investieren sollen, muss eben was geboten werden. Und das ist zweifellos der Fall.
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