"Herr Lehmann": Vom Ende des beschaulichen Lebens
zuletzt aktualisiert: 29.09.2003 - 09:04
Es ist Herbst 1989 in Berlin-Kreuzberg. Herr Lehmann steht hinter dem Tresen.
Im abgewrackten Szeneviertel SO 36 führt er im Schatten der Berliner Mauer ein überschaubares Kneipenleben. Schon das "bürgerliche" Kreuzberg 61 ist feindliches Ausland, und zu seinen Eltern in Westdeutschland hält Herr Lehmann sicheren Abstand. Doch kurz vor seinem 30. Geburtstag überschlagen sich auf einmal die Ereignisse, und dann fällt auch noch die Mauer.Sven Regeners Kultroman "Herr Lehmann" schaffte es in die Bestsellerlisten; die Verfilmung von Leander Haußmann kommt am Donnerstag, 2. Oktober, in die Kinos.
Für Regener, Sänger und Trompeter der Berliner Band Element of Crime, ist Herr Lehmann keine typische Kreuzberger Figur. "Die Handlung könnte überall spielen", sagt der Romanautor, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Sein Held ist ein Mensch, der es sich in seinem alltäglichen Trott bequem eingerichtet hat, bis ihn diverse Tritte vors Schienbein treffen und er eine neue Richtung sucht. Doch Haußmanns Filmversion lebt zu einem beträchtlichen Teil von Witzen, Anspielungen und den Schauplätzen rund um das Kottbusser Tor. Wer die Kreuzberger Szene nicht kennt, könnte den fast zweistündigen Film an manchen Stellen als langatmig empfinden.
Die Handlung ist denkbar unspektakulär: West-Berliner Alltag in der Vorwendezeit. Die Eltern aus Westdeutschland kommen zu einem unerwünschten Besuch, bei dem Herr Lehmann (Christian Ulmen) sich vergeblich als Geschäftsführer einer Markthallenkneipe ausgibt. Er verliebt sich in die schöne Köchin der Kneipe (Katja Danowski), die sich aber nicht auf eine Beziehung festlegen will. Seine Eltern schicken ihn mit 500 Mark für eine Verwandte nach Ost-Berlin, aber der DDR-Zoll nimmt Herrn Lehmann das Geld ab und schickt ihn unverrichteter Dinge zurück.
Nostalgische Schlussszene
In der Zwischenzeit bandelt die schöne Köchin mit einem Stammgast aus Herrn Lehmanns Kneipe an und lässt ihn im Stich. Herr Lehmanns bester Freund und Kneipen-Kollege Karl (Detlev Buck) verliert den Verstand und landet auf der psychiatrischen Station des Kreuzberger Urban-Krankenhauses. Und den ganzen Film über schafft es der Held des Films nicht einmal, seinen Freunden den Spitznamen "Herr Lehmann" abzugewöhnen wo er doch eigentlich Frank heißt.
Christian Ulmen und Detlev Buck geben zwei überzeugende Szenehelden ab. Ulmen gelingt die Darstellung eines Unentschlossenen, Buck wirkt mindestens so fertig mit der Welt wie Kneipengänger Karl. Die Schönheit der Köchin ist Geschmackssache. Regeners absurde Dialoge, die Leser seines Romans begeistert haben, greifen im Film nur teilweise. Einige Szenen wirken künstlich aufgeregt, die Kneipen noch düsterer als in Wirklichkeit.
Nostalgisch stimmt dagegen die Schlussszene, der 9. November 1989 - im Roman nur beiläufig erwähnt. Herr Lehmann, vom Liebeskummer und der Sorge um seinen Freund Karl geplagt, sieht die Bilder von der Maueröffnung in der Kneipe im Fernsehen und macht sich auf zur Grenze. Und auf einmal ist Kreuzberg das Tor zur Welt, alle Chancen bieten sich von Neuem, und nichts muss bleiben, wie es ist.
Die neuesten Nachrichten und Berichte aus Politik, Wirtschaft, Panorama, Sport,
Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, Multimedia, Auto,
Reise und Beruf - im Archiv auch gratis recherchierbar. Dazu die besten Bilder,
Live-Ticker, Kolumnen und Hintergrundberichte.






