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"Vision": Hildegard von Bingen im Kino

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 25.11.2008 - 07:44

Köln (RP). In der Nähe von Köln dreht Margarethe von Trotta gerade ihren neuen Film „Vision“ über Leben und Wirken der mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen. Barbara Sukowa spielt die Ordensfrau – als strenge Gläubige und als Rebellin.

Im kargen Schlafsaal des Klosters ist es düster. Über den einfach gezimmerten Betten mit Decken aus kratzigem Webstoff hängt ein wuchtiges Holzkreuz an der Wand. Sonst fängt nichts den Blick in diesem stillen Raum. Nur die Erschöpfung des täglichen „ora et labora“ ist zu spüren; sie liegt in der Luft wie ein herbes Parfüm.

Doch dann das Rascheln von Stoff. Mit schnellen Schritten betritt eine Nonne den Schlafsaal. Sie trägt die schwarze Kutte der Benediktinerinnen, das Gesicht ist eingefasst von weißem Stoff. Sofort wandern die Blicke zum einzig Lebendigen in all dem Tuch, zu den Zügen dieses Gesichts, zum energischen Mund, den wachen Augen von Barbara Sukowa. Sie spielt Hildegard von Bingen, die große Mystikerin, Kräuterkundige und Klostergründerin des Mittelalters – Hauptfigur im neuen Film von Margarethe von Trotta. „Vision“ wird er heißen und nächstes Jahr im Herbst in die Kinos kommen.

Dormitorium im Studio

Jetzt wird gedreht. Nach Stationen in den Klöstern Maulbronn in Baden-Württemberg und Eberbach in Hessen sind Studioaufnahmen an der Reihe – in Hürth bei Köln. Dort ist das karge Dormitorium aufgebaut, in das gerade ein paar bequeme Stühle geschleppt werden. Barbara Sukowa und Margarethe von Trotta nehmen Platz. Dann kommt auch Heino Ferch noch hinzu. Er ist kaum zu erkennen mit dem grauen Fieselhaar über der Stirn und all den geschminkten Falten. Heino Ferch spielt Mönch Volmar, einen treuen Begleiter auf dem Weg der Hildegard von Bingen. Gerade wird das Lebensende der weisen Benediktinerin gefilmt, darum hat die Maske die Hauptdarsteller altern lassen. Doch jetzt ist erst einmal Drehpause.

„Seit zehn Jahren will ich diesen Film schon machen“, sagt Margarethe von Trotta, „doch lange habe ich das Projekt in meinem Herzen verschlossen, weil ich dachte, dafür gibt es sowieso kein Geld, da musst du gar nicht fragen.“ Irgendwann sprach die Regisseurin dann aber doch von ihrer Idee, konnte den Produzenten Markus Zimmer gewinnen, mit dem sie schon die Filme „Rosenstraße“ (2003) und „Ich bin die Andere“ (2006) verwirklicht hat, und fand auch Förderer. Unter anderem die Filmstiftung NRW. Mit 500 000 Euro unterstützt sie das Projekt, darum wird unter anderem an zehn von 38 Tagen in NRW gedreht.

Gereizt hat von Trotta an Hildegard von Bingen, „dass sie eine Frau war, die mehr wollte“. In ihrer Profess habe sie gelobt, demütig, gehorsam, unterwürfig zu sein. „Doch sie wollte Klöster gründen, Schriftstellerin sein, und sie vertraute ihren Visionen“, so von Trotta. Für die Regisseurin passt Hildegard damit in die Reihe großer Frauenfiguren, über die sie bereits Filme gemacht hat. Zu Rosa Luxemburg etwa, deren Lebensweg sie 1986 in Szene setzte. Auch die sei eine Frau gewesen, die über das Private hinauswirken, etwas Größeres erreichen wollte.

Und auch Rosa Luxemburg wurde von Barbara Sukowa gespielt. Die sagte von Trotta die Rolle zu, noch ehe sie das Drehbuch gelesen hatte – „weil man bei Trotta einfach zusagen muss“. Als sie sich dann mit dem Lebensweg der Ordensfrau von Bingen beschäftigte, war sie von der Vielschichtigkeit der Figur überrascht. „Vorher hatte ich Hildegard irgendwo in der Dinkel- und Müsliecke angesiedelt“, sagt Barbara Sukowa, und das Gesicht in der strengen Nonnentracht lächelt bübisch. „Doch sie war Volksheilige, war konservativ, sehr streng und zugleich eine Rebellin.“

Den Lebensweg nachzeichnen

Sich in die Gedankenwelt des 12. Jahrhunderts zu versetzen findet Sukowa schwer. „Man kann sich der Zeit nur annähern, wirklich hineinversetzen kann man sich nie. Man bleibt immer ein Mensch aus dem Heute, der auf diese ferne Epoche blickt. Doch diese Spannung ist ja gerade interessant.“

Von Trotta wird in ihrem Film den Lebensweg der Hildegard von Bingen nachzeichnen. „Vision“ soll aber keine klassische Kostümfilm-Biografie werden. Vielmehr interessiert sich von Trotta für „die spirituelle, weltabgewandte und die pragmatisch aktive Seite im Wesen der Hildegard“. Wie sie es schaffte, sich von ihrem Unterbewusstsein führen zu lassen und ihre Visionen gegen den Abt durchsetzte, soll im Zentrum des Geschehens stehen.

Außerdem wird die Stille im Film großen Raum einnehmen, soll als Kraftquelle für den Zuschauer spürbar werden. Dazu möchte von Trotta auch an die Komponistin Hildegard erinnern, einige ihrer Gesänge werden den Film begleiten. „Ich möchte allen, die sich für die Kräuterfrau aus Bingen interessieren, mehr zeigen, als sie erwarten“, sagt Margarethe von Trotta. „Vielleicht weckt mein Film neues Interesse an Leben und Schriften der Hildegard. Und vielleicht ist sie ja irgendwo und findet das gut.“

Quelle: RP

 
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