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a serious man tobis panorama
  Foto: Tobis
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Tragikomödie "A Serious Man" der Coen-Brüder: Hiob aus der Vorstadt

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 21.01.2010 - 12:06

(RP). Die tragische Komödie "A Serious Man" ist ein weiteres Meisterwerk der Filmemacher Joel und Ethan Coen. Sie erzählt von einem Familienvater, der im Amerika der späten 60er Jahre am Leben verzweifelt. Eine abgründige und hochkomische Geschichte.

Die Coen-Brüder sind grausame Regisseure. Mit den Hauptfiguren ihrer Filme verbindet sie traditionell kein herzliches Verhältnis, es geht eher zu wie bei der Katze und der Maus: Die Katze spielt ihr grausames und blutiges Spiel, in dem das Opfer sich der Illusion hingibt, mit dem Leben davon zu kommen. Aber nach zwei Stunden, wenn sich die Filmemacher zu langweilen beginnen, ist das Spiel zu Ende und der Protagonist tot oder doch existentiell erschöpft und übel zugerichtet. So war es bei "Fargo" und "No Country For Old Man", um nur die bekanntesten Beispiele für die dunkle Kunst der Coens anzuführen.

"A Serious Man", das neue, arg vertrackte, aber erneut geniale Werk der Oscar-Preisträger aus dem Mittleren Westen der USA, unterscheidet sich im Tonfall ein wenig von den Vorgängern. Larry Gopnik, diesen Physik-Dozenten mit den zu kurzen Hosen, betrachten sie mit auffallend viel Gewogenheit, man möchte fast sagen mit Liebe. Der liberale Jude ist ein rechtschaffener Mann, wie es im Titel heißt, er steht kurz vor dem Aufstieg zum Professor. Es ist 1967, er hat zwei Kinder und ein Häuschen in einer Siedlung fern der großen Stadt. Er ist einer von uns, ein Gesetzestreuer ohne größere Makel, jedenfalls nicht im religiösen oder moralischen Sinn.

Nicht mehr gebraucht

Allerdings kommt es auch für Larry, den der kino-unerfahrene Theaterschauspieler Michael Stuhlbarg mit stiller Verzweiflung spielt, knüppeldick in dieser tragischen Komödie. Denn Larry dient Joel (55) und Ethan Coen (52) dazu, die alttestamentarische Hiob-Geschichte ins 20. Jahrhundert zu tradieren. Seine Frau eröffnet ihm, sie habe eine Affäre mit dem Hausfreund der Familie. Und wie dieser joviale Typ zur Regelung der Scheidungsmodalitäten erscheint und den verdutzten Larry in den Arm nimmt und sagt "das machen wir schon", ist allein das Eintrittsgeld wert. Larrys Sohn entdeckt kurz vor der Bar Mizwa das Kiffen und die Rockmusik, die Tochter bestiehlt den Vater, weil sie auf eine Schönheits-OP spart, und der neue Job gerät ebenfalls in Gefahr, weil ihn ein Student zu bestechen versucht. Das Leben teilt Larry auf uncharmante Weise mit, dass er seine biologische Funktion erfüllt hat und nicht mehr gebraucht wird. Es ist wie in "Somebody To Love", dem Lied von Jefferson Airplane, das Larrys Sohn so gern hört: "Wenn die Wahrheit sich als Lüge erweist und alle Fröhlichkeit in dir stirbt, wünschst du dir, jemanden zu lieben." Nur: Es ist niemand da.

"A Serious Man" ist die Geschichte eines Mannes, der nicht wahrhaben will, dass sein Lebensmodell von der Zeit überholt wird. Obwohl sich die Coens hier nicht politisch äußern, stellen sie eine Gesellschaft im Umbruch dar, überall knirscht es im Gebälk. Larrys von der Popkultur abgelenkter Sohn, der Ausbruch seiner Frau und die somnambul-erotische Nachbarin stehen für die neue Zeit. Larry ahnt das, aber er kann da nicht mitgehen, er möchte sein altes Leben retten, vor Einflüssen von außen schützen. Er wird aus dem Mittelstands-Idyll vertrieben, das Paradies schließt in fünf Minuten.

Am Ende kennt nicht einmal die Katze Gnade

Der Film bedient sich bei der Ausgestaltung der Geschichte vom Mann in der Krise, deren Drehbuch stellenweise an frühe Stories von John Updike erinnert, der Mittel des Horror-Genres. Alltägliche Dinge wirken in Großaufnahme bedrohlich: das Ohr beim Musikhören, der Bleistift auf dem Tisch, die Schultafel mit den physikalischen Formeln. Die Coens geben ihren Bildern einen alptraumartigen Touch, sie kühlen die Farben herunter; selbst ein einfaches Reihenhaus mutet aus Höhe der Grasnarbe aufgenommen klinisch-kühl an, unheimlich. Die Merkwürdigkeiten des Alltags umzingeln Larry. Es ist ihm, als wache nur er, die anderen wandeln schläfrig und abwesend durch die Welt. Die Katze sympathisiert mit ihrem Opfer, das ja. Aber das grausame Spiel bringt sie trotzdem ans Ende, so ist die Regel. Als "unannehmbar" haben amerikanische Kritiker den Film deshalb bezeichnet, und dieses Urteil deutet bereits an, welche intellektuelle Wucht diese großartige Produktion hat.

"Warum ich?", fragt Larry, ganz nach dem Vorbild Hiobs. Er wohnt inzwischen im Motel mit dem Namen "Jolly Joker", in einem Doppelzimmer mit seinem Bruder, der ständig seine offene Darmzyste spülen muss. Er sucht Rat bei drei Rabbis, sie erzählen rätselhafte Gleichnisse von Zahnärzten, die kryptische Botschaften auf den Zähnen ihrer Patienten finden. Der Film pendelt ständig zwischen Farce und Drama, zwischen Dada und Bibel, so gibt es bereits der Prolog vor. Diese so kurze wie umwerfende Vorab-Geschichte auf Jiddisch erzählt eine erfundene Fabel aus einem Schtetl im 19. Jahrhundert. Ein Mann kommt heim und berichtet seiner Frau, dass er einen Rabbi getroffen habe, der als längst verstorben gilt. Als dieser Rabbi an die Tür klopft, ersticht das Paar ihn in seiner Furcht, der Verblutende geht zur Tür hinaus, und niemand weiß, ob das ein Geist war oder ein Traum oder was.

Larry - ein Opfer der Gesellschaft

Larry hadert mit Gott, aber er stellt die falschen Fragen. Es geht nicht um Kategorien wie Glaube oder Schuld. Er scheitert schlicht an den gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die Ende der 60er Jahre auch die Upper Middle Class verändern. Es wird nicht besser werden, so viel ist sicher aus der Sicht des Jahres 2010. Das abgründige Ende, das mit apokalyptischem Grauen inszeniert wird, lässt denn auch keinen Zweifel, dass die Katze keine Lust mehr hat zu spielen.

Armer Larry.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Quelle: RP

 
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