Im Heimatfilm "Hierankl" wird auf der Alm gesündigt
zuletzt aktualisiert: 03.11.2003 - 10:08Drei Dinge zählen im Leben: Sex, Familie und Bewegung, sagt sich Lene, und bei ersterem hapert es. Zumindest ist die junge Frau in Bewegung, und auf dem Bahnhof in München entscheidet sie sich spontan für einen Abstecher zum einsamen Gehöft Hierankl im Chiemgau, wo ihre Familie lebt.
Vor fünf Jahren hatte die 22-jährige Lene ihre Sippe im Streit verlassen, doch nun drängt es sie unwiderstehlich "back to the roots", zurück zur schicksalhaften Scholle. Das auf dem Münchner Filmfest preisgekrönte Familiendrama "Hierankl", das am 6. November anläuft, ist ein deutscher Heimatfilm. Und was für einer.
Das verpönte Genre, einst Synonym für den Alpen- und Heidekitsch der 50er Jahre mit seinen blonden Maiden, hat durch den Debütregisseur Hans Steinbichler eine unerwartete Frischzellenkur erfahren. Dabei tut er nichts anderes, als die altbackenen Liebes- und Eifersuchtsszenarien tabulos weiter zu spinnen: Der Berg ruft, und ewig rasen die Hormone.
Mit Lene, die gerade rechtzeitig zum 60. Geburtstag ihres Vaters Lukas kommt, erreichen zwei weitere Gäste den abgeschiedenen Hof: Lukas' alter Freund Götz, der seit 30 Jahren zum ersten Mal wieder auf Hierankl erscheint, und Lenes Bruder Paul. Außerdem ist Vinzenz da, Pauls ehemaliger Busenfreund, jetzt Liebhaber von Mutter Rosemarie.
Mit der Geliebten des Vaters, die Lene bereits zu Anfang am Bahnhof entdeckt hatte und die später auftauchen wird, ist das Personal dieser Voralpentragödie komplett. Zwar steht das idyllische Hierankl-Gehöft noch so unverrückbar wie das Amen in der Kirche, doch was sich Familie nennt, ist seit langem innerlich verfault.
Vergangene Almsünden tragen giftige Früchte, heimliche Liebe tritt immer drängender zu Tage, und die offensive Lene legt die Lunte an den lange schwelenden Konflikt, als sie eine Affäre mit Götz beginnt.
Zuschauer als peinlich berührte Tischgäste
Süchtig nach Nähe und nach Konfrontation bewegen sich die Familienjunkies in einem Teufelskreis von Anziehung und Abstoßung und stoßen beim Geburtstagsessen im Grünen zum Kern allen Unglücks vor. Und wie beim dänischen Dogma-Film "Das Fest" fühlt sich der Zuschauer als Tischgast, der peinlich berührt ist von der öffentlichen Zerfleischung - und doch nicht wegschauen kann.
Mit Inzest, Homo-Erotik und Amour fou mutet dieses antik angehauchte Familiendrama seinem hoffentlich zahlreichen Publikum jedoch allerhand zu, und es ist gewiss leicht, sich über die manchmal manieriert scheinende Sippe und ihre erotischen Verstrickungen lustig zu machen. Da es sich um gebildete Akademiker mit angedeuteter 68er-Vergangenheit handelt, ist es aber umso interessanter, wie der Regisseur statt überspannter Dialoge Blicke und Gesten sprechen lässt.
Und so erscheint Barbara Sukowa als tiefgekühlte, schwarz gewandete Grande Dame Rosemarie, die in ihr Unglück vernarrt ist, nicht lächerlich, sondern fast Furcht erregend: Kein Ödipus kämpft hier gegen seinen Vater, sondern eine wütende Tochter gegen eine Unheil bringende Mutter. Großartig auch das schauspielerische Urviech Josef Bierbichler als sarkastischer Vater Lukas, der stets das passende Goethe-Zitat als Abwehrzauber auf den Lippen hat, und die anmutige, umtriebige Johanna Wokalek als Lene.
Am verblüffendsten aber ist die Präsentation eines weiteren Hauptdarstellers: Man hatte fast vergessen, wie schön deutsche Landschaften sein können. Wo in vielen deutschen Filmen angestrengt zusammengekratzte, aufpolierte Fachwerkarchitektur den romantischen Rahmen hergeben muss, gleitet hier die Kamera wie im Traum über Berg, Wald, Wiesen, Seen, lässt Nebel und Wolken wabern, und durchs Geäst blitzende Sonnenstrahlen zaubrisch ein Liebeslager beleuchten. Die schwelgerischen Naturpanoramen sind ein großartiger Resonanzboden für Leidenschaft und Schmerz und verleihen dem Drama eine Intensität, die lange nachhallt.
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