Kino-Kritik: Im Hochhaus bist du nicht allein
VON FRANK NOACK - zuletzt aktualisiert: 19.07.2007Im westdeutschen Problemfilm der 70er Jahre war das Hochhaus ein Symbol, wenn nicht sogar das Symbol für Einsamkeit und Anonymität in der Großstadt. Es war ein Ort, an dem Kinder geschlagen wurden, und niemand hörte es. Tote lagen in ihrer Wohnung herum, und niemand vermisste sie. Dass jemand von der Straße aus mit Stolz auf ein Hochhaus zeigt und sagt: „Da oben wohne ich“, das war unvorstellbar.
Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass man auch in einer eleganten Villa einsam dahinsiechen kann, dass Glück und Unglück nicht davon abhängen, mit wie vielen Mietern man das Haus teilt. In der DDR ist das Wohnen in einer Plattenbausiedlung optimistischer dargestellt worden. Die Miniserie „Einzug ins Paradies“ (1987) war fast so etwas wie ein Werbefilm für den Ost-Berliner Stadtteil Marzahn, und in dieser Tradition steht auch Bernd Böhlichs leise Komödie „Du bist nicht allein“.
Das beengte Aufeinanderwohnen bietet vor allem die Gelegenheit, neue Freundschaften zu schließen. Böhlich konzentriert sich auf drei Mietparteien. Das größte Vergnügen bereitet, allein schon wegen der Darsteller, das Ehepaar Moll. Axel Prahl und Katharina Thalbach sind Volksschauspieler im besten Sinne, und man merkt ihnen nicht an, dass sie im wahren Leben viel vornehmer wohnen.
Herr Moll heißt mit Vornamen Hans, während seine Angetraute in der Besetzungsliste nur Frau Moll genannt wird. Das hat eine tiefere Bedeutung. Frau Moll ist der Brotverdiener. Eben noch arbeitslose Wurstverkäuferin, etabliert sie sich unerwartet schnell beim Wachschutz. Ihren arbeitslosen Mann liebt sie weiterhin, aber er fühlt sich von ihr eingeschüchtert und flirtet mit seiner schönen Nachbarin Jewgenia (Katerina Medvedeva).
Würde er sich auf diese drei Menschen konzentrieren, wäre der Film eine runde Sache, ein uneingeschränktes Vergnügen, bei dem der Ernst nicht zu kurz kommt: Frau Moll ist bei allem Mutterwitz durchaus eine tragische Figur: eine Frau, die sich abrackert und das Geld verdient, während ihr Mann sich von ihr abwendet.
Dass sie kein Selbstmitleid zulässt, erhöht noch die Anteilnahme. Daneben fällt die Handlung um das geschiedene Paar Sylvia und Kurt Wellinek stark ab. Die West-Schauspieler Karoline Eichhorn und Herbert Knaup wirken im Ost-Berliner Plattenbau völlig deplatziert, aber das ist nicht das einzige Problem. Ihre Schwermut verhindert eine Identifikation.
Die arbeitslose Schauspielerin Sylvia muss aus finanzieller Not ein unseriöses Angebot annehmen, und man könnte ihre Empörung verstehen, wenn sie einen Pornofilm synchronisieren müsste. Stattdessen soll sie nur mit verruchter Stimme eine 0190-Nummer aufsagen. Sie stellt sich dabei so hilflos an, dass man sich fragt, was für Rollen sie am Theater gespielt haben könnte – abgesehen von der heiligen Johanna vielleicht.
Regisseur Böhlich ging es offenbar darum, mit diesem dritten Frauentypus für Abwechslung zu sorgen. Doch leider hat er dabei Tragik mit Humorlosigkeit verwechselt. lll
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






