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Kino-Kritik: In den Fängen der Russenmafia

VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 27.12.2007 - 07:20

Düsseldorf (RP). Ist die Stadt ein Menschenschredder mit Zähnen aus Stahl, Glas und Beton? David Cronenberg zeigt uns in „Eastern Promises – Tödliche Versprechen“ London meist bei Nacht, als Reich der Schatten und der Drohgebärden.

Viggo Mortensen und Noami Watts in "Promises - Tödliche Versprechen".  Foto: Tobis
Viggo Mortensen und Noami Watts in "Promises - Tödliche Versprechen". Foto: Tobis

Doch zu Beginn seines neuen Films setzt er dem Bedrückenden der Stadt ein Beispiel von Fürsorge, Verantwortungsübernahme und couragierter Regelüberschreitung entgegen. In eine Klinik wird, Alltag im Moloch, ein Notfall eingeliefert, eine blutüberströmte, sehr junge Frau. Die offizielle, institutionalisierte Fürsorge ist es nicht, die Cronenberg hier auf Hoffnungstauglichkeit untersucht.

Die Ärzte stellen eine Schwangerschaft fest, die junge Mutter stirbt, das Kind kann gerettet werden. Aber jemand sorgt sich nun weit über den Umfang der Arbeitsplatzbeschreibung hinaus: die Hebamme Anna (Naomi Watts). Sie schaut die wenigen Habseligkeiten der Verstorbenen durch und nimmt sich vor, Verwandte des Kindes aufzustöbern. Sie bringt ein auf Russisch abgefasstes Tagebuch in ein ethnisches Restaurant, das im Leben der Mutter eine Rolle gespielt zu haben scheint, und hofft auf neue Aufschlüsse aus der Übersetzung der Notizen.

Anna sieht die Sprachbarriere lediglich als überwindbares Hindernis solidarischen Miteinanders. Doch Cronenberg und der Drehbuchautor Steven Knight haben Anna da schon in die Falle gehen lassen. Sie haben sie einem Konkurrenzmodell der privat organisierten Fürsorge ausgeliefert, einem, das Grenzen aller Art wichtig nimmt, das auf ethnischer Geschlossenheit und strenger Hierarchie fußt, das Hilfe nach innen mit Gewalt nach außen flankiert und Eigeninitiative der Unterlinge als Zerrüttung der allein heilsamen Hierarchie schmäht.

Kein Gewaltspektakel

Armin Mueller-Stahl spielt den Gastwirt Semyon, einen Don der russischen Mafia in London, verstrickt in Revierkämpfe, enerviert von Gärungen in der eigenen Familie, okkupiert von der Zugplanung eines Schachspiels krimineller Schattenreichbildung.

Cronenbergs neuere Arbeiten begeben sich nicht mehr wie seine älteren Filme in die Bildwelten von Horror und Science Fiction. Früher waren surreal gewaltreiche Bilder Zeichen dafür, dass gesellschaftliche Zerstörungsprozesse im Gang sind. Heute, in „A History Of Violence“ und „Eastern Promises“, identifiziert Cronenberg die Gewaltbereitschaft selbst als Bedrohung der Gemeinschaft.

Semyon hat einen bösen, verschlagenen, asozialen Sohn, den von Vincent Cassel gespielten Kirili, und einen emotionslos brutalen, für einen haltgebenden Clan zu jeder Scheußlichkeit bereiten MuskelViomann, den von Viggo Mortensen gespielten Nikolai. Die Subkultur dieser Mafiosi tut so, als biete sie loyalen Vasallen relative Sicherheit und Ordnung im Chaos der allgemeinen Interessendurchsetzung. Doch Annas Vorstoß in diese Unterwelt wird den Beweis bringen, dass es mit Ordnung und Loyalität auch hier nicht weit her ist.

Forsches Paranoia-Stück

Cronenberg inszeniert das aber nicht als forsches Paranoia-Stück über die Barbaren, die längst die Grenzen unserer multikulturellen Gemeinschaft überschritten haben, auch nicht als eiskaltes True- Crime-Porträt organisierter Regelaushebelung. Das mehr an Gesprächen als an Gewaltakten interessierte „Tödliche Versprechen“ ist bewusst distanziert, ein wenig abstrakt, ein bisschen theaterhaft gehalten, es will als Modellstudie wahrgenommen werden.

Am Beispiel der Russenmafia verhandelt Cronenberg den Rückzug vor der Anforderung der liberalen, offenen, individualisierten Gesellschaft in alte Stammesstrukturen, in eine Wabenwelt archaischer Klüngelbildung, in der Bewohner der nächsten Wabe nur Feinde oder Beute sein können. Einige exzessive, durchchoreographierte Gewaltminuten sind nicht Fremdkörper im Film, sondern Momente der Erdung.

Cronenberg erinnert uns daran, dass er nicht über gesellschaftliche Verwerfungen theoretisiert, sondern dem realen Krieg Mann gegen Mann, Clique gegen Clique nachspürt, der an die Stelle der Utopien getreten ist.


 
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