Fünfeinhalb-Stunden-Epos im Kino: In den Fängen von "Carlos"
VON PETER STEINHART - zuletzt aktualisiert: 04.11.2010 - 15:52Düsseldorf (RP). Seit dem 14. August 1994 ist die Welt sicher vor einem der skrupellosesten Terroristen der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. An diesem Tag wurde Illich Ramirez Sanchez, unter seinem Pseudonym "Carlos" zu fragwürdiger Weltberühmtheit gelangt, vom französischen Geheimdienst aus dem Sudan entführt. Ende Dezember 1997 wurde er in Paris zu lebenslanger Haft verurteilt. Jetzt hat Olivier Assayas ein grandioses Fünfeinhalb-Stunden-Epos über das Leben des berüchtigten Terroristen gedreht.
In die meisten Kinos kommt nun eine dreistündige Fassung dieses elegant erzählten Porträts. Allerdings hat diese Kurzfassung einige erzählerische Löcher.
Die Polizei kommt ihm früh auf der Spur. Nach seinen ersten Attentats-Versuchen soll er in einer Pariser Studenten-Wohnung verhaftet werden. Doch der Gesuchte versichert so ruhig und bestimmt, keineswegs Illich Ramirez Sanchez alias "Carlos" zu sein, dass sich der eine Polizist sogar auf das Angebot der fröhlichen Studenten einlässt, ein Gläschen mitzutrinken, während der andere den Spitzel zur Gegenüberstellung holt.
"Das ist er, ganz bestimmt", sagt schließlich der Spitzel. Carlos erschießt die beiden Polizisten sofort und zögert ein paar sadistische Sekunden lang, bevor er vor den Augen der erstarrten Studentenrunde auch den wehrlosen Verräter liquidiert. Schnitt, Szenenwechsel in ein anderes Land, eine andere Situation.
Olivier Assayas ist ein Regisseur, der sich einen Namen machte durch seine Beharrlichkeit, in verschiedensten Genres eine eigenwillige Handschrift zu zeigen. Sein "Carlos" fasziniert durch die Konsequenz, mit der er aus dieser berüchtigten Figur des internationalen Terrorismus der 1970er und 1980er Jahre keineswegs einen "Polit-Thriller" machte, keine verzwickte Belehrung über politische Hintergründe verwirrender Aktionen. "Carlos" ist vielmehr ein ganz klassisch angelegtes Epos über Aufstieg, Größenwahn und Untergang eines Gangsters.
Machthungriger Narziss
Nur einmal wirkt dieser Carlos unglaubwürdig: wenn er sich einer Freundin mitten in einem Pariser Café lauthals als Idealist anpreist, der mit Terrorakten in Europa und Nahost einen weltweiten Krieg gegen den Kapitalismus entfesseln will.
Doch schon die Arroganz, mit der er sich bei Waddi Haddad einführt, dem misstrauischen Chef der damals gefährlichsten Terrororganisation, der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas), lässt diesen Carlos als machthungrigen Narziss erscheinen. Untergrund- wie Staatsorgane des Terrors sind ihm nur Mittel, um Karriere zu machen.
Edgar Ramirez, der wie sein Rollenvorbild aus Venezuela stammt, verkörpert diesen Carlos mit dem Charme eines Macho aus gutem Hause, der selbst Feministinnen zu unterwürfigen Gespielinnen zähmt und Gewalt und Mord mit so tierischer Selbstverständlichkeit praktiziert, dass seinen Gefolgsleuten moralische oder ideologische Bedenken im Halse stecken bleiben.
Er ist so prahlerisch cool selbst in Momenten peinlichster Pannen, dass er am Rand der Lächerlichkeit balanciert. Er erreicht sogar, dass Johannes Weinrich (Alexander Scheer) sein treuer Gefolgsmann bleibt, obwohl er ihm die Freundin (Nora von Waldstätten) ausspannt.
Als TV-Dreiteiler angelegt
Ein gutes halbes Dutzend erstklassiger Schauspieler ist der wichtigste deutsche Beitrag in einer Koproduktion, die als französisches Fernsehprojekt begann und mit 120 Darstellern in 100 Drehtagen zu einem Mammut-Unternehmen wuchs. Die Details in Kleider- und Einrichtungmoden markieren Zeit- und Ortswechsel mit unaufdringlicher Eleganz.
Die Raffinesse der Bilder wird besonders deutlich im Kontrast zu eingeblendeten Fernsehaufnahmen. Dieser "Carlos" kann nur auf großer Leinwand seinen ganzen Reiz entfalten. Doch nur wenige Kinos werden sich darauf einlassen, den ganzen, fünfeinhalb Stunden langen Film (angelegt als Fernseh-Dreiteiler) zu zeigen. Daneben soll eine auf drei Stunden gekürzte Fassung für ein breiteres Publikum sorgen.
Diese "Kurzfassung" ist voller Löcher, und manchmal verraten Dialoge, dass ganze Schlüsselszenen fehlen. Doch der federnde Rhythmus aus epischer Breite und zugespitzter Dramatik blieb weitgehend erhalten – so gerade im Mittelteil des Films mit der Entführung der Ölminister von der Wiener OPEC-Konferenz.
Wie Carlos, obwohl er sich eigens als ein zweiter Che Guevara kostümiert, lieber Lösegeld-Millionen kassiert anstatt als "Märtyrer" zu sterben; wie er sich vom gehorsamen Söldner zum Gangsterboss verwandelt: Das wird so grandios erzählt, dass sein Abstieg zum lästigen, fett und genusssüchtig gewordenen, zwischen mehreren Staaten hin und her geschobenen Relikt des Kalten Kriegs ihm sogar einen Hauch von tragischer Größe verleiht.
Gerade, weil Assayas Fiktion und Fakten ohne Anspruch auf eindeutige "Wahrheit" mischt, wirkt diese grausam elegant erzählte Geschichte vom Terrorismus als Geschäft authentischer als pathetisch auftrumpfende Polit-Spektakel a la "Baader Meinhof Komplex".
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