Kino-Kritik: Ironisches Märchenpotpourri
VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 20.12.2007 - 10:06Düsseldorf (RP). Walt Disneys treue Helden aus Glanztagen des Zeichentrickfilms, die Kinokassenstürmer und Kinderfantasiegefährten, sind in „Verwünscht“ in der Kanalisation des New York von heute gelandet. Steht es wirklich schon so schlecht um die Schätze in den Archiven Disneys, sind die alten Formeln, Figuren, Bilder und Bezauberungstechniken im Zeitalter der computergenerierten Tricks und der zynischen Actionfilme auch für kleine Zuschauer nur noch Abfall?
Nein, so meint diese Komödie das gewiss nicht. Ihre Figuren, die wir anfangs in klassischen 2D-Zeichentrickszenen im Märchenreich beim Flirt- und Eifersuchtstreiben beobachten können, platzen eine Weile später als Figuren aus Fleisch und Blut durch die Gullydeckel und wandeln über den Asphalt der Großstadt – auch wenn der tumb tapfere Prinz dann einen Bus mit einem Drachen verwechselt.
Diese romantisch-ironische Komödie erzählt also von einer Wiederauferstehung der Klassiker, von der Tauglichkeit der alten Träume für eine neue, härtere Zeit. Damit man das nicht als verblendete Selbstfeier Disneys missverstehen kann, betont das Drehbuch Grenzen, Beschränkungen und Verirrungen der Märchenwesen im Umgang mit dem realen Leben. So ganz glaubt dieser Film selbst nicht an die problemlose Weiterexistenz der verwöhnten Prinzessin im Apartmentbau.
Zitatverkettung im Zeichentrickreich
In der nettesten Sequenz dieser von Kevin Lima inszenierten Zitatverkettung will Prinzessin Giselle (Amy Adams) in New York wiederholen, was sie aus dem Märchenreich kennt: ihre Haus- und Putzarbeit von den lieben Tieren erledigen lassen. Drüben im Zeichentrickreich stand die ganze manierliche Truppe der Kuscheltiere parat, in der Stadt müssen Ratten, Tauben und Kakerlaken zum Kloputzen und Klamottenaufräumen dirigiert werden. Das hat dann wieder etwas von Klassengesellschaft, von der Illusion derer ganz oben, die da unten würden sich gern und um den Preis eines huldvollen Lächelns ihrem Wohl widmen.
Leider geht „Verwünscht“ selten so substanziell frech mit den Motiven und Flunkereien aus „Schneewittchen“, „Dornröschen“ und „Cinderella“ um. Giselle sitzt in New York fest, weil eine böse Hexe (Susan Sarandon) sie mit einem Trick dorthin gelockt hat. Ihr Märchenprinz Edward (James Marsden) folgt ihr und stößt auf Nebenbuhler Robert (Patrick Dempsey), der einer bizarr Gewandeten und Verwirrten Obdach gewährt hat.
Robert findet Giselle ein wenig verrückt. Aus diesem Grundkonflikt, aus dieser Unvereinbarkeit von Ideal und Pragmatik, Traumwelt und Alltag könnte man mehr machen als „Enchanted“, so der Originaltitel. Aber wenn Susan Sarandon ihr Missfallen äußert, spürt man auch hier die Energie, die in Märchen verkapselt ist, die Erkenntnis des Bösen, das uns treibt.
Und wenn New Yorks Kanalarbeiter befremdet auf die verrückten Reichen starren, die da nach und nach aus ihrem Gully steigen, stellt der Film die wichtige Frage, ob die Schlossintrigen wirklich die Träume aller Menschen darstellen.
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