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"Junges Licht"
Zwölfjähriger Oscar Brose brilliert in Hauptrolle

Junges Licht: Oscar Brose brilliert in Hauptrolle mit nur zwölf Jahren
"Du bist frei. Du kannst Bergmann werden, Stahlarbeiter oder Koker." Julian (Oscar Brose) und sein Vater (Charly Hübner) daheim auf dem Balkon. FOTO: dpa
Düsseldorf. "Junges Licht" ist die Verfilmung von Ralf Rothmanns grandiosem Roman. In der Hauptrolle brilliert der zwölfjährige Oscar Brose. Der Film ist nicht durchweg gelungen, bewahrt aber den magischen Kern der Vorlage. Von Philipp Holstein

Das Buch heißt "Junges Licht", es erschien 2004, und wer es gelesen hat, wird einen Kloß im Hals spüren, wenn jemand den Titel nennt, denn "Junges Licht" ist einer der schönsten Romane, die es in den vergangenen Jahrzehnten gab in Deutschland.

Er handelt von einem Jungen; Julian ist zwölf Jahre alt, und nun beginnt der Sommer, in dem er erwachsen wird: "Es war der erste Tag der Ferien, das leichte, etwas ungläubige Erwachen in der Sonne, die schräg durch die Topfblumen auf mein Bett fiel." Ralf Rothmann hat das geschrieben, und er erzählt von seiner eigenen Jugend in den 60er Jahren im Ruhrgebiet, er erzählt von der Jugend der BRD und also von unserer Jugend, und er tut das so feinfühlig, wahrhaftig und genau, so subjektiv und doch allgemein gültig, dass die 230 Seiten wie die Biografie des Lesers anmuten, auch wenn der ganz woanders aufgewachsen ist.

Der magische Kern des Buchs

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Man muss mit diesem Buch beginnen, wenn man über diesen Film sprechen möchte, denn Adolf Winkelmann hat es für die Leinwand adaptiert, und obwohl ihm nicht alles gelungen ist, bewahrt er doch den magischen Kern der Geschichte, ihre Seele. Geschafft hat er das, weil sein Hauptdarsteller so gut ist: Oscar Brose spielt den Julian als zarten Abseitssteher, als einen, der über alles staunt, was in sein Bewusstsein brandet.

Er steht also in Lederhose zwischen den mächtigen Anlagen, aus denen unentwegt Rauch aufsteigt, und er nimmt die erwachende Sexualität als Vibrieren wahr und die verborgenen Neigungen des pädophilen Nachbarn als leise Bedrohung. An ihm ist ein Gespanntsein zu spüren, das zunimmt – Suspense der Adoleszenz. Julian weicht aus, er nimmt seinen eigenen Weg, und der großartigste Moment ist erreicht, als er der Mutter, die ihn mit dem Kochlöffel verprügelt, das Ding wegnimmt. Er schaut sie an, er hält ihrem Blick stand, er wehrt sich auf seine Art, und in ihren Augen sieht man Zorn, aber auch einen Anflug jenes Stolzes, den nur diejenigen fühlen, die jemandem das Tor in die Freiheit, ins Selbstbewusstsein gewiesen haben.

Wildes, ergreifendes Werk 

Adolf Winkelmann erzählt diese Geschichte aus der Vorstellungskraft des Kindes heraus. Sein Heimatfilm ist die Rekonstruktion eines Gefühls, und daraus ergibt sich die für einen Kinofilm absurde Situation, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, was man sieht, sondern was man denkt und empfindet. Bisweilen mutet "Junges Licht" nämlich etwas kulissenhaft an, der wilde Übergang von schwarzweißen zu farbigen Bildern ist nicht zu erklären, auch nicht mit den wechselnden Erzählperspektiven der Vorlage, der Indiepop-Soundtrack läuft beständig neben den Bildern her. Und dennoch hat das Werk etwas Ergreifendes.

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Es gibt diese rührende Szene, da sind Julian und sein Vater allein, sie sitzen auf dem Balkon und schauen auf die verstellte Landschaft, in der der Vater als Bergmann arbeitet. Die Mutter ist mit der Tochter in Urlaub gefahren, und nun unterhalten sich die Männer über die Zukunft. "Du bist frei", sagt der Vater, "du kannst Bergmann werden, Stahlarbeiter oder Koker." Julian nickt: Ja, das könnte die Freiheit sein.

"Und schwupps biste Oma."

Adolf Winkelmann darf ja ohnehin als Ehrenretter des Ruhrgebiets gelten, seine Filme "Die Abfahrer" und "Jede Menge Kohle" haben in den 70er Jahren wie eine Selbstbehauptung gewirkt und einen neuen Ton eingeführt, das Bärbeißige mit Herzlichkeit begründet, das Ruppige mit dem Stolz auf die Härte der Arbeit. Er hat die urtümliche Poesie herausgearbeitet in einem Gebiet, in dem Zechen Namen tragen wie "Auguste Victoria" (Marl), "Graf Wittekind" (Dortmund) und "Nachtigall" (Wetter).

Einmal trifft Julians Mutter die Nachbarin zum Reden, sie sprechen über das halbwüchsige Mädchen, das die Männer und Jungs in der Siedlung verrückt macht, und es fällt dieser großartige Satz: "Paar Komplimente, bisschen Likör – und schwupps biste Oma."

So heiter geht es indes selten zu in "Junges Licht", dafür hängt die Erfahrung des Krieges noch zu schwer in den Mänteln der Menschen. Julians Vater drückt der depressiven Mutter den gefrorenen Spinatblock an den Kopf, weil sie zu schwach war zum Kochen. "Wenn du wat anne Galle hast, dann lass das reparieren", sagt er.

Die Menschen wissen mit der Zukunft noch nichts anzufangen, und selbst Kinder sind grausam. Julians Freunde übergießen einen Hund mit Benzin, sie wollen ihn anzünden: "Lebendfackel". Aber Julian macht nicht mit, er rettet das Tier. Julian ist das "Junge Licht", er ist die Befreiung, und man muss an das Lied von Leonard Cohen denken, das Ralf Rothmann seinem Roman als Motto vorangestellt hat: "Here is the night / The night has begun / And here is your death / In the heart of your son".

Junges Licht, BRD 2016 – Regie: Adolf Winkelmann, mit Oscar Brose, Charly Hübner, Peter Lohmeyer, 122 Min.

(hol)
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