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Kino-Kritik: Knallhart: Migration, Integration, Frustration

zuletzt aktualisiert: 06.03.2006 - 13:47

Mit 15 Jahren hat man es nicht leicht. Michael aber hat es doppelt schwer: Nicht nur, dass er mitten in der Pubertät steckt, auch muss der Berliner Junge ganz plötzlich vom schicken Zehlendorf ins brisante Neukölln umziehen, weil der Lover seiner Mutter die Nase voll hat. Er gerät mitten hinein in eine Welt voller Gewalt und Machtkämpfe. Regisseur Detlev Buck hat nach einigen seichteren Komödien einen dichten Film gemacht, der auch eine neue Chance für Jenny Elvers-Elbertzhagen bietet.

Buck, von dem viele als Regisseur nach einigen schwachen Produktionen nichts mehr erwartet hatten, sorgt mit diesem auf der diesjährigen Berlinale gefeierten Großstadtdrama für eine positive Überraschung: Endlich traut sich ein einheimischer Filmemacher, die ungeschminkte Realität in jenen Stadtbezirken ins Auge zu nehmen, in denen Migrantengruppen die Szene bestimmen und die ungeschriebenen Gesetze diktieren. Bis vor einiger Zeit wurde das noch als Multikulti verklärt, doch die Zeiten ändern sich. Bucks Film dokumentiert das eindringlich.

"Knallhart" zeigt, wie es teilweise schon zugeht und was in einigen Jahren in den meisten Großstädten drohen könnte, nämlich eine Entwicklung zum konfrontativen Auseinanderdriften zwischen der deutschen Stammbevölkerung und integrierten Ausländern einerseits sowie sozial schwachen, sich abkapselnden Einwanderermilieus andererseits. Es kann gut sein, dass Buck einfach nur eine gute, stimmige Geschichte nach dem Drehbuch von Zoran Drvenkar und Gregor Tessnow erzählen wollte. Doch gelungen ist ihm eine brisante Sozialstudie, die genau zur rechten Zeit in die Kinos kommt.

Denn der Film zeigt Zustände, die viel zu lange verdrängt und tabuisiert worden sind. Wo Integrationspolitik zur hilflos-beschwörenden Formel erstarrt ist, da setzt sich das Recht der Stärkeren und Aggressiveren durch. Zu denen zählen der brutale junge Türke Erol und seine Gang, die Mitschüler erpressen und demütigen. Doch Erol ist wiederum ein kleines Licht im Vergleich zu dem schmierigen Drogenboss Hamal. Der findet Gefallen an Michael, weil er ihn für seine kriminellen Geschäfte gut einsetzen kann. Der Junge, bislang von Erol terrorisiert, genießt plötzlich Schutz und ist dankbar dafür.

Kein Plädoyer gegen Integration

Aber er wird einen schrecklichen Preis für diesen Schutz zahlen. Die dramatische Zuspitzung des Films mag etwas übertrieben sein, aber sie macht auch deutlich: Diese Zustände, die längst nicht mehr nur in Neukölln herrschen, sind unerträglich. Im Presseheft des Films wird der SPD-Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, mit den Worten zitiert: "Paris ist wie ein Schlüsselloch in unsere Zukunft. Wenn wir die Integrationspolitik weiterhin so halbherzig wie bisher betreiben." Bucks Film ist kein Plädoyer gegen Integration, aber sehr wohl ein Warnruf, sich deren wirklichen Herausforderungen zu stellen.

"Knallhart" hat neben dem brisanten Stoff noch einen weiteren Trumpf, nämlich den 1990 geborenen David Kross in der Rolle des Michael. Der aus der Nähe von Hamburg stammende Jungschauspieler agiert in seiner schwierigen Rolle erstaunlich sicher und wirkt authentisch. Halb noch Kind, aber auch schon junger Mann mit erstem Interesse am anderen Geschlecht, bringt Kross genau die Ambivalenz mit, die seine Filmfigur braucht. Jenny Elvers-Elbertzhagen als seine Film-Mutter präsentiert sich als ernsthafte Schauspielerin. Sie hatte ihre Filmkarriere 1995 in Bucks Film "Männerpension" begonnen, war aber in den letzten Jahren nicht mehr auf der Leinwand zu sehen gewesen. Das könnte sich nach diesem Film ändern.

Erhan Emre als Hamal und Oktay Özdemir als Erol machen ihre Sache ebenfalls ausgezeichnet. Buck tat gut daran, das Drehbuch andere schreiben zu lassen, denn an seinen mangelnden Autorenfähigkeiten litten seine Kinoflops "Liebesluder" und "Liebe Deine Nächste" doch allzu offensichtlich. Der Regisseur hat vor Ort intensive Milieustudien betrieben, auch das gibt dem Film seine besondere Qualität. "Knallhart" ist Kino, das besonders Jugendliche in den Großstädten ansprechen sollte. Detlev Buck und sein Team haben etwas riskiert und viel gewonnen, das Ergebnis ist wirklich knallhart.

Quelle: ap

 
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