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Das Muttersöhnchen, das Gedichte im Sauerkraut versteckt: Komödie "Elling"

zuletzt aktualisiert: 29.04.2002 - 09:46

Frankfurt/Main (rpo). Zwei Männer werden aus der Psychiatrie entlassen und müssen sich in der "normalen" Welt zurechtfinden: "Elling" hört sich an wie ein sozialdemokratischer Problemfilm und ist schon jetzt einer der originellsten Komödien des Jahres.

Das seltsame Paar brach in Skandinavien alle Kassenrekorde und wurde von jedem vierten Norweger gesehen. "Elling" wurde auch für den Oscar nominiert, und man weiß nicht, wem man den Preis mehr gegönnt hätte: der verschmitzten Französin "Amélie" oder diesen beiden schrägen Vögeln, deren Erlebnisse mit herrlich lakonischem Witz erzählt werden, der - falls die Erfolgsserie nordischer Komödien so weitergeht - demnächst als "skandinavischer Humor" ebenso zum cineastischen Gütesiegel wird wie "britischer Humor".

Kjell ist ein stämmiger junger Mann, der nur an Essen und Sex denkt. Elling ist ein mickriger Mittvierziger, der sich wie eine zimperliche Jungfer benimmt. Kjell ist tumb, aber offenherzig, Elling intelligent, aber gehemmt. Kjell ist der zupackende Praktiker, Elling der ängstliche Theoretiker. Von weitem ähneln die zwei dem Kumpelpaar Walter Matthau und Jack Lemmon. Obwohl viel paranoider als die beiden amerikanischen WG-Genossen, sind Elling und Kjell nicht so gaga, als dass man nicht einige Verhaltenswesen im eigenen Umfeld wiedererkennen könnte. Der norwegische Sozialstaat spendiert den Freunden, die sich erst in der Psychiatrie getroffen haben, eine tipptopp eingerichtete Osloer Wohnung mit ständig ansprechbarem Sozialarbeiter.

Als erste Tat schieben sie ihre Betten zusammen - wie im Heim. Das Klingeln des Telefons wird geflissentlich ignoriert. Dank der Standpauken des Sozialarbeiters Frank zwingt sich vor allem Elling dazu, Expeditionen nach draußen zu unternehmen. Einkaufen, der Besuch eines Restaurants und - noch schlimmer - der Gang durchs Lokal zur Toilette werden für den Zwangsneurotiker zu bizarren Mutproben im Reich des Alltags.

Als an Weihnachten die schwangere Nachbarin Reidun betrunken auf der Treppe liegt, tritt der Ernstfall ein. "Kjell trägt die Menschen, die er trifft." Elling hat zwei Mal Gelegenheit, dies zu sagen, und seine ultratrockenen Off-Kommentare machen einen Gutteil der Komik dieses Films aus, der es außerdem schafft, die Not auch als Tugend zu interpretieren. Denn Elling, dank seiner Eifersucht auf die beginnende Romanze zwischen Kjell und Reidun aus der Reserve gelockt, hat plötzlich die Erleuchtung, ein Dichter zu sein. Instinktiv wagt er sich in jenes Milieu, in dem Verrücktheit Freiheit und die Lizenz zur Kreativität bedeutet - zu den Künstlern.

In den amüsantesten Szenen des Films schaut er unbewegt den angestrengten Bemühungen junger Poeten zu, bei öffentlichen Lesungen durch hysterisches Verhalten Aufmerksamkeit zu erregen. "Die anderen tun nur so, als seien sie verrückt, und du bist es wirklich", meint der pensionierte Verleger Jörgensen verblüfft, als er Elling kennenlernt.

Elling verfällt schließlich auf die Idee, Gedichte zu schreiben und in Kartons mit Sauerkraut zu verstecken. Als anonymer "Sauerkrautpoet" gelangt er zu bescheidenem Ruhm, und in der Perspektive des Films sieht sogar seine eigenwillige Esszimmergestaltung, bei der er ein Foto seiner Mutter von einer Kerze beleuchtet wie einen Hausaltar über dem Tisch installiert hat, fast wie Kunst aus.

Die Hintergründe von Ellings und Kjells Macken werden nur am Rande gestreift, sind jedem halbwegs psychologisch informierten Zuschauer sowieso ersichtlich. Regisseur Petter Naess, der "Elling" zuvor als Theaterstück mit denselben Darstellern aufführte, will keine verkopfte Sozialkritik üben und die "Verrücktheit" der zwei auch nicht romantisch verbrämen oder sentimental verzerren wie so oft in Filmen über geistig Behinderte - zuletzt in "Beautiful Mind".

Naess erzählt "eine Geschichte über meine eigenen Ängste und Phobien und den Versuch, die daraus resultierenden Blockaden zu durchbrechen", zeigt Menschen, die innere Grenzen überwinden. Dies schließt Schadenfreude aus und schafft jene spezielle warmherzige Atmosphäre, bei der man zugleich über die beiden Spinner lacht und mit ihnen mitfühlt.

Vorlage von Film und Theaterstück war das Buch "Blutsbrüder" von Ingvar Ambjörnsen, der drei Romane über die Abenteuer des kauzigen Elling schrieb. Auch die Verfilmung bietet sich für eine Fortsetzung an, und man würde von "Mutters Junge", wie sich Elling stolz tituliert, zu gern noch mehr sehen. Nicht verpassen!


 
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