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Neu: Die Nesthocker-Komödie "Tanguy": Komödie um die Vertreibung aus dem Paradies

zuletzt aktualisiert: 27.05.2002 - 13:17

Frankfurt/Main (rpo). Tanguy hat die Sache mit dem "Hotel Mama" etwas zu ernst genommen: der Gute ist bereits 28 und lebt immer noch brav bei seinen Eltern. Ein simples Thema, umgesetzt in einer beißend ironischen Komödie aus Frankreich.

"Wenn du willst, kannst du dein ganzes Leben bei uns verbringen", flüstert eine entzückte Mami ihrem Baby zu. 28 Jahre später scheint ihr Wunsch in Erfüllung zu gehen: Tanguy lebt immer noch bei seinen Eltern.

"Tanguy", eine Tabu brechende und beißend ironische Komödie, die in Frankreich schon Millionen Zuschauer begeisterte, führt eine brachiale Familientherapie durch und rückt dabei ein aktuelles gesellschaftliches Phänomen ins Licht: den Nesthocker, der es sich im "Hotel Mama" so lange wie möglich gemütlich macht. Und das ohne finanzielle oder sonstige Nöte: In "Tanguy - Der Nesthocker" bekämpfen sich besonders nette, gebildete, liberale und gut situierte Zeitgenossen.

Vor allem Tanguy (Eric Berger) ist einfach perfekt: ein charmanter junger Mann, Uni-Dozent in Philosophie, der dabei ist, seine Doktorarbeit in Sinologie abzuschließen; ein Mensch ohne erkennbare Macken, auf den die Frauen fliegen, und mit einem Satz konfuzianischer Sinnsprüche ausgestattet, die er bei jeder Gelegenheit, die stressig zu werden droht, anwendet. Kurz gesagt: Tanguy ist unerträglich.

Morgens lächeln die Eltern noch

Noch lächeln seine Eltern seine "Gspusis" an, die morgens leicht geschürzt am Designer-Tisch auftauchen, servieren frisch gepressten Orangensaft, verteilen Bussis und heben seine nassen Handtücher vom Boden auf. "Du hast wirklich tolle Eltern", schwärmen Tanguys Geliebte dann meistens, und nur eine Japanerin schämt sich für die frühmorgendliche Intimität.

Das Lächeln vergeht den ebenso perfekten Erzeugern, als Tanguy ankündigt, seine Promotion und sein Peking-Stipendium um ein Jahr zu verschieben: Mutter Edith (Sabine Azéma) fängt an zu hyperventilieren, und das Paar gesteht sich gegenseitig, seinen alten Knaben nicht mehr verknusen zu können. Und weil Tanguy sich in der großzügigen Pariser Atelierwohnung mit Haushälterin sichtlich pudelwohl fühlt, wollen ihn seine Eltern klammheimlich vergraulen.

Ihr Guerillakrieg beginnt zunächst mit harmloser Sabotage: heraus stehende Nägel in Tanguys Türschwelle, stinkender Fisch im Kühlschrank und Verweigerung des elterlichen Autos. Als die Klette dies klaglos hinnimmt und mit besagten konfuzianischen Weisheiten kommentiert, folgt Phase zwei: Den nächtlichen Gespielinnen wird zum Beispiel insinuiert, dass Tanguy schwul sei. Beim Tennisspiel schlägt sein Vater (André Dussolier) Bälle an des Filius' Kopf. Die Aggressionen steigern sich, und es kommt gar zu einer Gerichtsverhandlung, bei der Tanguy das Recht erstreitet, bei den Eltern so lange zu wohnen, wie er will. Nun bricht offener Krieg aus...

Exzellentes Trio Infernale

Glänzend gespielt von einem exzellenten Trio Infernale, öffnen sich hinter der anheimelnden Fassade dieser Pariser Großbürger immer tiefere Abgründe. Funktionieren tut diese Komödie nur, weil sie gegen den Strich erzählt ist: Wäre Tanguy etwa arbeitslos oder behindert, gäbe es nichts zu lachen. Auch seine Eltern sind keine Psychopathen, sondern Mittfünfziger, die gut in Schuss sind und ihr Leben genießen wollen.

Und so ist die Fallhöhe viel größer, wenn diese wohlwollenden Menschen unversehens sadistische Anwandlungen entwickeln und genüsslich ihren Sohn quälen. Der nicht so unschuldig ist, wie er tut, sondern ein berechnender Egoist: Auch der Zuschauer fängt an, dieses milchgesichtige, altkluge Monster mit der Gelehrtenbrille zu hassen, das partout nicht das Feld räumen will.

"Tanguy" ist die köstlichste Komödie der letzten Monate - wenn sie auch im letzten Drittel ins Anarchisch-Absurde abzurutschen droht und das versöhnliche Ende überflüssig wirkt. In bester französischer Tradition werden die lieben Mitmenschen aufs schönste vorgeführt, und dass der Film so gut ankommt, liegt natürlich daran, dass er ins Schwarze trifft. In Zeiten des immer weiter nach hinten verschobenen Erwachsenwerdens ziehen auch in Deutschland Sprösslinge vor den Kadi, wenn ihre Erzeuger sie aus dem Nest stoßen.


 
 
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