Kino-Kritik: Krabat in den Fängen des Magiers
VON ISABELLE DE BORTOLI - zuletzt aktualisiert: 09.10.2008 - 11:06Düsseldorf (RP). „Im Jahre des Herrn 1646 waren die deutschen Länder seit langer Zeit in eine Serie schrecklicher Kriege verwickelt, die als der 30-Jährige Krieg in die Geschichtsbücher eingegangen sind.“ Schon in der Anfangssequenz, getragen von der Stimme Otto Sanders, stellen sich dem Zuschauer die Nackenhaare auf: Eine Gruppe Raben fliegt krächzend über verwüstete, von Schnee bedeckte Landschaften. Drei Jungen, nur mit wenigen Kleiderfetzen gegen Sturm und Schnee geschützt, ziehen als Sternsinger bettelnd umher. Die Atmosphäre ist dunkel, hoffnungslos, als plötzliche eine Stimme ertönt: „Krabat, komm, und horche der Stimme des Meisters.“
Düsternis und Kälte beherrschen Marco Kreuzpainters Film „Krabat“, gepaart mit dunkler Verführung, Grausamkeit und Hoffnungslosigkeit. Die Verfilmung des Jugendbuches hat sich ausgewachsen zu einem gruseligen Thriller mit albtraumhaften Sequenzen, die wenig geeignet sind für Zartbesaitete. Der 14-jährige Waisenjunge Krabat (David Kross) hat seine Mutter durch die Pest verloren. Er folgt der Stimme, die er in seinen Träumen hört, zur unheimlichen Mühle am Koselbruch. Dort bietet der strenge und zugleich anziehende Meister (Christian Redl) ihm eine Lehre als Müllersbursche an. Krabat schlägt ein, nicht nur das Müllern zu lernen, sondern auch „alles Andere“. Er tritt ein in eine Welt aus harter Arbeit und schwarzer Magie – und merkt zu spät, dass er für die Gunst des Meisters seine Freiheit und auch die Liebe aufgeben muss.
Dass in der Mühle, in der auch am Tag immer dunkle Nacht zu herrschen schein, irgendetwas nicht stimmt, entdeckt der Kinobesucher gemeinsam mit dem Titelhelden – erschreckt sich mit ihm, fühlt seine Gänsehaut am eigenen Körper. Immer weiter dringt Krabat mit Hilfe des Altgesellen Tonda (Daniel Brühl) in die geheimen Abläufe der Mühlen-Gemeinschaft ein – findet aber zunächst keine Erklärung dafür, warum der Meister im Laufe des Jahres stark altert, warum ein unheimlicher „Gevatter“ in jeder Neumondnacht Säcke mit Knochen bringt, die in der Mühle gemahlen werden. Erst der grausame Tod Tondas macht Krabat klar, dass er sich von einer dunklen Macht hat verführen lassen, aus der es scheinbar keinen Ausweg gibt.
Gedreht wurde „Krabat“ in Rumänien, das Dorf Schwarzkollm dafür komplett nach historischen Vorgaben aufgebaut. Der unberührten Landschaft der Karpaten verdankt der Film eindrucksvolle Aufnahmen: Gemeinsam mit den in Raben verwandelten Müllersburschen fliegt der Zuschauer über verschneite Gipfel, tiefe Wälder und gelbe Felder. Während zu Beginn und am Ende des Films Dunkelheit, Kälte und Grauen überwiegen, gibt es in der Mitte Sequenzen, in denen Sonnenstrahlen Licht bringen. Es ist die Zeit, in der Krabat und seine Gesellen die Freiheit der Natur genießen und nicht in der unheimlichen Mühle arbeiten müssen.
Im wahrsten Sinne zauberhaft ist die Szene, in der Tonda seinen Freund Krabat an die Hand nimmt, beide aus ihren Körpern heraustreten, und die mit Kerzen hell erleuchtete Osternacht der Schwarzkollm- Bewohner beobachten. Es ist der Moment, in dem Krabat sein Herz an die schöne Kantorka (Paula Kalenberg) verliert – eine Tatsache, mit der er deren und sein eigenes Leben riskiert.
Mit der Riege junger Schauspieler, darunter bekannte Namen wie Daniel Brühl, Robert Stadlober oder Anna Thalbach, gelangen den Produzenten Glücksgriffe. Jeder der zwölf Müllersburschen hat seine Eigenheiten, ist ein besonderer Typ – wie jeder der zwölf Darsteller. Daniel Brühl sieht man zum ersten Mal in der Rolle des väterlichen Freundes, die ihm gut steht. David Kross spielt den Titelhelden als zunächst schüchternen und blässlichen Jungen, der lernt, gegen die Verführung durch das Böse zu kämpfen. Robert Stadlober spielt den undurchsichtigen Lyschko, von dem man nicht weiß, ob er ein Verräter oder ein Freund ist. Christian Redl ist als Meister gemeiner und grausamer als jeder Voldemort, und jagd den Zuschauern Schauder über den Rücken.
„Krabat“ ist ein deutliches Zeichen dafür, dass sich deutsche Literatur sehr wohl zu anspruchsvollen Verfilmungen eignet, und dass deutsche Regisseure längst nicht nur gute Komödien machen können. Ein Film natürlich für Mittelund Oberstufenschüler, aber auch all diejenigen, die schon Preußlers Erstausgabe verschlangen – oder düstere Spannung lieben. Wer eine romantische Harry-Potter-Zauberwelt sucht, ist hier falsch.
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