Wim Wenders ernstes neues Meisterwerk: Land of Plenty: Zerstörte Träume
zuletzt aktualisiert: 04.10.2004 - 10:33Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten entpuppt sich in Wim Wenders' neuem Film "Land of Plenty" schnell als kaputter Traum. Palmen verprechen Glückseligkeit, doch was Protagonistin Lana in Los Angeles vorfindet, ist ein Jammertal.
Das Wetter ist zwar gut, doch was Lana sieht, ist eine große, böse Metropole, bevölkert von Obdachlosen und Spinnern. Einer davon ist Lanas Onkel Paul, zu dem sie nach langen Jahren Kontakt sucht. Außerdem arbeitet sie in einer Obdachlosenmission in Downtown L.A., wo sie stillvergnügt armen Menschen eine Kelle Suppe austeilt.
Es ist irgendwie bewundernswert, dass Wim Wenders in diesen unruhigen Zeiten ganz der Alte bleibt, wie sein neuer Film "Land of Plenty", der am 7. Oktober anläuft, beweist. Drei Dinge braucht der Mann: einen verwirrten Antihelden, einen rettenden Engel und den Mythos Amerika.
Paul verbringt seinen Tag damit, nach Terroristen Ausschau zu halten. Seinen Jeep hat er zur mobilen Überwachungsstation ausgebaut, mit der er den Mord an einem arabischen Obdachlosen filmt. Hassan wird vor der Obdachlosenmission aus einem fahrenden Luxusjeep heraus abgeknallt.
Paul ist nicht zufällig vor Ort: Von Verschwörungstheorien getrieben, sieht er in jedem Menschen mit "Feudel" um den Kopf einen potenziellen Bin Laden. Außerdem will er seine junge Nichte kennen lernen, die ihn aus jenem Heim heraus angerufen hat.
Die zwei spüren gemeinsam Hassans Bruder auf, der in einem armseligen Trailer-Park in der Wüstensiedlung Trona lebt. Lana will Hassans Beerdigung organisieren, während Paul sich auf der heißen Spur einer islamistischen Verschwörung wähnt. Die Obsession des Paranoikers führt immerhin zur einzigen lustigen Szene, bei der er, mit Gasmaske und Pumpgun, bei einer gelähmten alten Dame im Schlafzimmer landet.
Allerdings ist die Vermeidung von Komik in Pauls Fall fast ein Kunststück. Fakt bleibt, dass niemand so fotogen und so ausdauernd wie Wenders an seiner Enttäuschung über das gelobte Land leidet. "9/11" samt den Kriegen und der Politik von Präsident Bush dienen als Sauerstoffzufuhr für diese hehre Gekränktheit, die sich äußert wie eine stecken gebliebene Schallplatte mit aufgedrehter Lautstärke.
Fast zwanghaft am Rockzipfel Amerikas
Zwar wusste Wenders seit jeher die öden Seiten des Mythos' in visuelle Melancholie umzusetzen - mit Streiflichtern über Wüsten und trostlosen Städten, die an Edward Hoppers gemalte Einsamkeit erinnern. Nicht nur in "Paris, Texas", "Bis ans Ende der Welt" und zuletzt in "Million Dollar Hotel" beschrieb er die Schattenseiten des amerikanischen Traums.
Auch diesmal gleitet der Blick, untermalt von Leonard-Cohen-Songs, über die Armen am Straßenrand, und aus Pauls Überwacherperspektive, die in Kartons vom Müll eine Bombe vermutet, bekommt die alltägliche Verwahrlosung eine irritierende Note. Armut dient Wenders aber lediglich als Kulisse für seinen erbaulichen Weltschmerz.
Es ist im Grunde grausam, wie Hassan mit einigen ökumenischen Kalendersprüchen charakterisiert wird und sein trauernder Bruder trotz Pauls inquisitorischer Fragen der unfassbar freundliche Orientale bleibt: Die beiden pakistanischen Brüder interessieren Wenders nicht die Bohne.
Doch besonders Lana, die Missionarstochter, die in Israel für Palästinenser streitet, ist eine Kopfgeburt und, wie fast alle Wenders'schen Frauen, ein schlechter Gretchen-Witz. Eine jener schlafwandlerischen falschen Naiven mit aufgeworfenen Lippen, die seit Nastassja Kinski ("Falsche Bewegung") nicht wegzudenken sind aus Wenders Figurenarsenal.
Auch der stoppelbärtige "Lonesome Cowboy" Paul ist ein Ritter von der tragischen, aber bei ehrlicher Betrachtung doch eher abstrusen Gestalt, der gegen terroristische Windmühlen kämpft. Der Freak wird zum traumatisierten Vietnam-Veteran und Symbol für Amerikas Verirrungen aufgeblasen: Drunter tut es Wenders nicht. Warum Lanas verstorbene, friedensbewegte Mutter ausgerechnet diesen Loser zu Lanas Beschützer bestimmt hat, bleibt Wenders' Geheimnis.
Die Story-Verrenkungen zur Illustration seiner amerikanischen Glaubenszweifel zeigen, dass der 59-jährige Filmemacher fast zwanghaft am Rockzipfel Amerikas hängt, dessen freiheitsverheißende Popkultur sein Selbstverständnis prägte: wie ein greinendes Kind, das einfach nicht begreifen will, dass die Versprechungen vom "Land of Plenty" nicht wörtlich genommen werden dürfen. Zeit, erwachsen zu werden und eine andere Platte aufzulegen.
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