"Lichter" - Sittengemälde rund um die Ost-West-Grenze
zuletzt aktualisiert: 28.07.2003 - 12:44Frankfurt/Main (rpo). In der Trockenheit dieses Sommers ist die Oder, der Fluss zwischen Polen und Deutschland, nur noch eine Pfütze: Man könnte fast durchspazieren. Doch im Film "Lichter", der am 31. Juli anläuft, ist die Oder die fast unüberwindbare Grenze zwischen Ost und West, Arm und Reich, und Elendsflüchtlinge ertrinken beim Versuch, ins gelobte Berlin zu gelangen, das nur 80 Kilometer entfernt ist.
Der Episodenfilm pendelt zwischen Frankfurt/Oder und Slubice: der Fluss-Pegel steht auf Drama-Höhe, die Oder wird zum Testfall für Moral und Menschlichkeit stilisiert, den kaum einer besteht. In betont schmuckloser Machart und mit Authentizität heischender Wackelkamera ist "Lichter" ein aus einer Hand voll Leuten zusammengesetztes Sittengemälde rund um die Grenze.
Doch wo im wahren Leben Menschen mal Glück, mal Pech haben und ein Fluss mal hoch, mal tief steht, aber immer weiter fließt, gibt es im Film nur Strudel, verbeißt sich Regisseur Hans-Christian Schmid ("23", "Crazy") in Teufelskreisen: Keine Episode, bei der man nicht schon bald ahnte, dass am Ende jeder noch weniger zu lachen hätte als am Anfang - schon gar nicht der Zuschauer.
Im Mittelpunkt stehen Ukrainer, die von Schleppern an der falschen Seite der Grenze abgesetzt werden. Dann gibt es einen hektischen Discount-Matratzenverkäufer in Frankfurt/Oder, der unterhalb der Dispo-Grenze ums Überleben kämpft und seinen Prospekteverteilerinnen keinen Lohn zahlen kann. Deshalb hat eine polnische Familie kein Geld, um der Tochter das gewünschte Kommunionskleid zu kaufen.
Der Vater, ein Taxifahrer, verdingt sich widerstrebend als Menschenschmuggler. Eine Übersetzerin beim Bundesgrenzschutz will heimlich einem zurückgewiesenen Ukrainer helfen und wird menschlich enttäuscht. Und ein junger Architekt trifft in Slubice, wo er mit seinem Chef ein Großprojekt betreuen soll, seine ehemalige polnische Freundin wieder, die nun als Dolmetscherin jobbt.
In der überzeugendsten Episode lebt eine halbwüchsige Heimausreißerin auf dem Hof eines brutalen Hehlers und seiner zwei pubertierenden Söhne, denen sie beim Zigarettenschmuggel hilft. Der stille Maik verliebt sich in Katharina, die sich jedoch zu dessen Bruder hingezogen fühlt, und bekommt Ärger mit allen.
Preise bei der Berlinale
Obwohl die einzelnen Handlungsstränge anfangs spannend sind und die Schauspieler vorzüglich, verheddert sich der Film beim Hin- und Herblenden zwischen den zahlreichen Personen. Denn die Schicksale sind kaum miteinander verzahnt, und so wirkt die Zerstückelung bald beliebig.
Und die episodischen Streiflichter, die illustrieren sollen, wie die Umstände jedermann korrumpieren, drehen sich schließlich doch ins Klischee - mit Menschen, die naiver sind, als es die übliche Lebenserfahrung erlaubt. Wieso Jungarchitekt Philip nicht dasselbe vermutet wie der Zuschauer, wenn er die hübsche Dolmetscherin Beata beim Chef am Tisch sitzen sieht, bleibt so das Geheimnis der Drehbuchautoren.
Allzu offensichtlich ist das Szenario darauf angelegt, möglichst viele Aspekte verwerflichen Grenzverkehrs in den Film zu quetschen. Man fragt sich auch, wieso der karrierebewusste Yuppie, der Beate lange zuvor aus unbestimmten Gründen verließ, sich wegen ihrer bezahlten Liebesdienste mit seinem Chef anlegt, dem ein dickes "Vorsicht! Schmieriger Kapitalist!" auf die Stirn geschrieben steht.
Und könnte es nicht sein, dass sich Übersetzerin Sonja bei ihrer alltäglichen Routine mit Asylsuchenden aus romantischen Gründen um den Ukrainer Kolja sorgt, wie ihr eifersüchtiger Freund vermutet, und nicht nur aus ethisch-humanen? Doch außer den Teenagern ist hier keiner von Natur aus ein klitzekleines Bisschen mehrdeutig oder gar gemein.
So tut der Film niemandem weh und heimste ob seiner guten Absichten nicht nur bei der Berlinale Preise ein; dass an der ost-westlichen Grenze vieles ungut und der Mensch an sich oft des Menschen Wolf ist, wird keiner verneinen wollen. "Lichter" mit seinen interessanten Anläufen, die sich leider in Litaneien verwandeln, fungiert deshalb auch als Ablass-Film und Bußübung fürs gute schlechte Gewissen; auch dass er in der Kirche endet, sieht man schon von weitem kommen.
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