Drama "Was will ich mehr": Liebe in der Teeküche
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 09.12.2010 - 13:20(RP). Der italienische Regisseur Silvio Soldini ist vielen seit seinem Erfolg "Brot und Tulpen" aus dem Jahr 1999 auch hierzulande ein Begriff. Er ist der Mann für die poetischen Momente im Alltagsleben, für die großen Liebesgeschichten der kleinen Leute. In "Was will ich mehr" geht es um Leidenschaft, die in eine fest gefügte mittelständische Vorstadt-Existenz einbricht.
Anna arbeitet im Büro, sie ist gut, in dem was sie tut. Sie lebt mit ihrem Freund Alessio (Giuseppe Battiston) zusammen, ein etwas bräsiger Brummbär, der die Duschkabine im Bad erneuern kann und sich zum Lesen im Bett eine kleine Lampe an das Buch klippt. Das wildeste, das die beiden erleben, ist die Diskussion, ob sie ein Kind haben möchten oder nicht. Er will, sie nicht, doch dann sagt sie: "Wenn du möchtest, setze ich die Pille ab."
Bei einer Betriebsfeier begegnet Anna dem Gelegenheits-Arbeiter Domenico (Pierfrancesco Favino), der von einer Catering-Firma engagiert wurde, und sofort beginnt etwas. Alba Rohrwacher spielt die Frau, die sich in eine Affäre stürzt, Teeküchen-Sex inklusive, und sie macht diesen Film sehenswert. Die 31-Jährige aus Florenz dürfte zuletzt vielen in "I Am Love" als Film-Tochter Tilda Swintons aufgefallen sein. Nun hat sie wieder eine schwere Rolle, und sie allein macht diese Figur glaubhaft, sympathisch geradezu.
Die Liebenden treffen sich in Motels, Nicht-Orte der Flüchtigkeit, und sie sehnen sich doch so nach Dauer. Das ist nett anzusehen, souverän arrangiert, man fühlt ein bisschen mit, aber wirklich nahe geht einem das nicht. Domenico ist Familienvater, mit Frau und Tochter überfordert, das Geldproblem kommt hinzu. Aber man merkt diesem Mann seine Not nicht an, er schlafwandelt durch die Kulissen.
Einige Produktionen der jüngsten Vergangenheit hatten dasselbe Thema, der erwähnte Film "I Am Love" etwa und "Die Affäre" mit Kristin Scott-Thomas. Gegen diese beiden Arbeiten kommt "Was will ich mehr" nicht an. Sie sind härter, das Zuschauen tut stellenweise weh, und das Ende kennt jeweils keine Gnade mit den handelnden Figuren. Es gibt dort keinen Weg zurück ins frühere Leben. Da werden die Fälle bis zum Schluss verhandelt, während Soldini nur flüchtig hinsieht.
Insofern ist "Was will ich mehr" zwar allzu langsam und ruhig inszeniert, als dass er an Herz fassen könnte. Und auch das Ende ist kein Knall, sondern ein Fade Out.
Bewertung: 3 von 5 Sternen
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