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Jane Campions "Bright Star": Liebesbrief an eine Epoche

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 24.12.2009 - 23:24

(RP). Die neuseeländische Regisseurin Jane Campion hat einen Film über die letzten Lebensjahre des britischen Dichters Keats gedreht. Ein geschmackvolles Werk, in dem sie ohne jeden Kitsch von einer aussichtslosen Liebe erzählt – und die Epoche der Romantik lebendig werden lässt.

 Foto: Tobis
Foto: Tobis

Einmal ist das Zimmer voller Schmetterlinge. Fanny hat sie im Garten gefangen, diese Sehnsuchtsfalter, Metarmorphose-Tierchen, Unsterblichkeitssymbole. Nun flattern sie durch ihr Schlafzimmer, bedrängend fast ist ihr Gewimmel und Gekrabbel, doch braucht Fanny dieses Zuviel eines lebenden Symbols, weil auch ihr Leiden unermesslich ist: Sie zergeht vor Sehnsucht nach ihrem Geliebten, einem mittellosen Dichter, der den Sommer anderswo verbringt. Darum sind Briefe Fannys einziger Trost. Briefe, die wohl zu den schönsten Liebesdichtungen der Literaturgeschichte zählen. Briefe von John Keats.

16 Jahre, nachdem sie mit "Das Piano" ihren internationalen Durchbruch erlebte und drei Oscars gewann, legt die neuseeländische Regisseurin Jane Campion nun einen Biografie-Film vor. Mit der stimmungssatten Ruhe, die auch schon in "Das Piano" für eine eigenwillig spröde, poetische Atmosphäre sorgt, zeichnet sie zwei Jahre im Leben des romantischen Dichters John Keats nach. Zwei Jahre, in denen er sich in die Schneiderin Fanny Brawne verliebt, zum Höhepunkt seines Schaffens gelangt und an Tuberkulose erkrankt. Im Alter von nur 25 Jahren erliegt er dieser Krankheit.

Dies ist der düstere Horizont in "Bright Star", denn dieser Tod kündigt sich in Krankheitsschüben an, die den Dichter auf sein Lager werfen und ihn in Melancholie schwimmen lassen. Damit ist eine Grundstimmung der Romantik gesetzt: das Verharren in einem Gefühl der Vergeblichkeit, ein Versinken in Apathie, die nicht einfach leer ist, sondern sehnsuchtsvoll, schmerzlich-schön.

Trotzdem ist "Bright Star" kein sentimentaler, gar gefühlsduseliger Film. Das liegt vor allem daran, dass diese Biografie aus der Sicht der lebensklugen Fanny gedreht ist. Eine bodenständige, schlagfertige, wenig gebildete junge Frau kommt in Kontakt mit der männlichen Dichterwelt des John Keats und seines Freundes Charles Brown. Und anfangs kann sie nur lachen über den Ernst, mit dem die Männer sich ihren Versen widmen, ungestört sein wollen und jede wirtschaftliche Not in Kauf nehmen, um sich ganz ihrer Kunst hingeben zu können. Dabei hat auch Fanny eine Leidenschaft: Sie entwirft Kleider, die über und über mit Rüschen besetzt sind, zarte Kunstwerke aus Spitze und Gaze, die sie mit unendlicher Geduld am Fenster ihres Zimmers näht und stickt.

Einmal erkennt John Keats sogar, dass ihre Kunst der seinen verwandt ist. Da ist gerade sein jüngerer Bruder an Tuberkulose gestorben, Keats ist untröstlich, Fanny macht ihren Kondolenzbesuch und schenkt ihm ein Kissen, das sie die ganze Nacht hindurch reich bestickt hat. Da erkennt Keats, dass in dieses Werk ihre Liebe genauso eingearbeitet ist wie in seine Verse. Und erkennt, dass diese Frau keinen oberflächlichen Salonflirt sucht, sondern ihn aufrichtig, tief empfindend, leidenschaftlich liebt.

Eine Chance haben die beiden allerdings nicht. Und das ist die zweite romantische Strömung, in der dieser Film treibt. Der Dichter hat es noch zu keinem Ruhm gebracht, als Sohn eines Stallmeisters hat er auch kein Erbe zu erwarten. Folglich ist er keine Partie für Fanny, die zwar ebenfalls nicht aus schwerreicher Familie stammt, aber aus gutbürgerlicher, und daher einen Mann braucht, der ihr kunstsinniges, häusliches Leben wird finanzieren können.

So gibt es Gegner ihrer Liebe: Charles Brown stichelt gegen Fanny, weil sie ihm oberflächlich erscheint und weil sie die Aufmerksamkeit des begnadeten Keats auf sich lenkt. Fannys Mutter ist Keats gegenüber skeptisch, weil sie als Witwe für das Auskommen ihrer Tochter sorgen muss. Doch beide Skeptiker dieser Dichterliebe werden nicht drakonisch dargestellt. Dieser Film hebt sich das Drama für einen stillen, wirklich erschütternden Moment auf: Als Fanny vom Tod ihres Geliebten erfährt, da läuft sie aus dem Zimmer, sackt zusammen, stößt einen tiefen Schluchzer aus, der gar nichts Theatralisches hat, sondern bestürzend echt wirkt, wie wahr empfunden.

Da zeigt sich die enorme Qualität der Darsteller in diesem Film: Fanny wird gespielt von der Australierin Abbie Cornish, die unter anderem an der Seite von Heath Ledger in "Candy" zu sehen war. Sie spielt ihre Rolle mit einer perfekten Mischung aus Sensibilität und Beherztheit, will nie glänzen, sich hervortun, sondern steht ganz in ihrer Figur und macht die Gefühle einer Frau aus der Romantik plausibel.

Der Brite Ben Whishaw, den man aus der Rolle als mörderischer Dufterfinder in "Das Parfüm" kennt, ist ebenfalls nie aufgesetzt empfindsam, sondern ein Dichter, der seiner Leidenschaft folgen muss, bedeutet es auch den Tod.

"Bright Star" ist damit nicht nur eine Biografie, sondern auch ein Epochen-Porträt, in dem ohne großen Pomp, ohne jeden Kitsch die Romantik erwacht. Jane Campion nimmt sich dafür Zeit, und man muss ihr diese Seelenruhe zugestehen, will man ihr Werk genießen. Dann aber öffnet sich mit den glühenden Keats-Versen, die diesen Film durchziehen, die Tür ins Reich der Poesie. llll

Quelle: RP

 
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