Romanze "Gigante": Liebesfilm ohne Klischees
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 01.10.2009 - 09:01(RP). Vielleicht ist das Geheimnis der Liebe Beharrlichkeit. Jara jedenfalls ist sich sicher, dass er die junge Frau liebt, die da im Blickfeld seiner Überwachungskameras die Supermarktböden schrubbt. Doch der bullige junge Mann vom Sicherheitsdienst stürmt nicht einfach los, das Mädchen aus der Putzkolonne zu erobern. Er geht die Sache langsam an, zielstrebig, aber zurückhaltend, geradezu vornehm.
Und der Zuschauer folgt den eigenbrötlerischen Handlungen dieses melancholischen Helden beobachtend, manchmal staunend, manchmal belustigt. Jedenfalls weiß er nie, was als nächstes geschieht, weil dieser Film ganz ohne Klischees auskommt, obwohl er doch von der Liebe handelt.
"Gigante" war der Überraschungsfilm der diesjährigen Berlinale, denn der aus Uruguay stammende Regisseur Adrián Biniez gewann für sein Erstlingswerk gleich drei Preise, darunter den Großen Preis der Jury. Und das ganz zurecht, denn der Film ist zärtlich, aber nicht rührselig, lakonisch, aber nicht müde, und erzählt in feiner Dramaturgie von einem Außenseiter, der auf die Macht berechnungsloser Zuneigung vertraut. Ein optimistischer Film, ohne jeden Kitsch, ohne jede Betulichkeit.
Ein verliebter Voyeur
Dabei ist dieser Jara eigentlich ein Voyeur. Denn in der Überwachungszentrale des Supermarktes folgt er dem Mädchen im Putzkittel mit seinen Kameras überall hin. Doch seine Begeisterung ist heiter, sie hat nichts Besessenes, und so sieht man amüsiert, wie er dem Mädchen bald auch ins private Leben folgt, sie beobachtet, ihren Namen herausfindet. Er will ihr ja nur einen Kaktus samt Schildchen mit Widmung zwischen die Konservenregale stellen – auf den Boden, den sie immer wienern muss. So verschroben, so zärtlich sind die Gesten dieses Riesen, der nebenher auch als Türsteher arbeitet und am liebsten Heavy Metal hört.
Vielleicht ist "Gigante" auch deswegen so überzeugend in seinem stillen Charme, weil er Negatives nicht ausblendet. Der Supermarkt, in dem Jara und das Mädchen arbeiten, glänzt zwar sauber, doch werden die Mitarbeiter bei kleinsten Verfehlungen hinausgeworfen. Und Aggressionen vor der Discotür bekommt Jara genauso ab, wie jugendliche Gewalt nachts auf der Straße. So ist der Film auch soziale Studie, unaufdringlich, wie nebenher.
Doch vor allem ist "Gigante" eine Liebesgeschichte. Eine, in der von Liebe niemals gesprochen wird. Zu spüren ist sie in jeder Sekunde.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
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