Politthriller "State of Play": Loblied auf die Zeitung
VON PETER STEINHART - zuletzt aktualisiert: 18.06.2009 - 11:00(RP). In einem spannenden Politthriller zeigt Regisseur Kevin Macdonald, wie unerlässlich investigativer Journalismus ist, um Missstände in der Gesellschaft aufzudecken. Mit einer wunderbar mürrischen Helen Mirren als Chefredakteurin und Russell Crowe als mutigem, gerissenen Spürhund.
Zum Happy-end rollen in schnellen, wuchtigen Bildern alle Phasen der Zeitungsproduktion vorbei, vom Rotationsdruck bis zur Rampe, von der die Sattelschlepper zur Auslieferung abfahren. Ein so pathetisches Hohelied auf das Zeitungsmachen gab es noch nicht in "Die Unbestechlichen", Pakulas Film über die zwei Reporter der "Washington Post", die den Watergate-Skandal aufdeckten. Damals, vor über dreißig Jahren, kämpften Amerikas große, renommierte Zeitungen auch noch nicht ums Überleben wie in "State of Play", der "Die Unbestechlichen" als sein großes Vorbild zitiert. "Die einzige wahre Story", bellt die Chefredakteurin ihre Reporter an, die mehr Zeit für die Aufklärung eines politischen Skandals fordern, sei "der Untergang dieser verdammten Zeitung".
Der wird noch einmal abgewendet, und bis dahin liefern sich Helen Mirren als abgebrühte Chefredakteurin und Russell Crowe als ihr Reporter-Ass Cal unvergessliche Wortgefechte. Cal verachtet den Internet-Journalismus, den seine Zeitung nebenher betreibt, mit "Bloggern" wie der jungen Della, die bei der Aufbereitung von Gerüchten keine Zeit für Nachfragen verschwenden soll. "Sie ist billig und liefert jede Stunde einen Artikel", verteidigt die Chefin diese Internet-Wunderwaffe. Schließlich wollen die neuen Zeitungsbesitzer Gewinn sehen. "Eine Zeitung, die Gewinn macht – wo gibt's denn noch so etwas", spottet Cal und überrascht sie dann mit der Forderung, ausgerechnet diese Della zu seiner Assistentin zu machen: Er wittert Dellas Ehrgeiz, den altmodischen Job eines gründlich recherchierenden Zeitungsreporters zu lernen.
Russell Crowe als zottelhaariger, dicklicher Reporter, bei dem Schreibtisch und Auto wie Müllhalden aussehen, mit Rachel McAdams als der adretten Della im Schlepptau: Dass dieses Lehrer-und-Schülerin-Verhältnis nicht in eine Liebesromanze abrutscht, sondern durch ganz professionelle Kämpfe spannend bleibt, gehört zu den Qualitäten von "State of Play". Della kann so unerbittlich sein wie die Chefredakteurin, die verlangt, dass "ein Reporter keine Freunde hat, sondern nur Quellen". Cal versucht seinen Jugendfreund, den Senator Collins, und vor allem dessen Gattin Anne vor peinlichen Enthüllungen zu schützen. Aber Della duldet kein sentimentales Ausweichen beim Bohren nach den Hintergründen einer Mordserie im Umfeld dieses Senators.
Ben Affleck wirkt als neuer Star im US-Kongress zu jung und zu glatt, um eine alte Freundschaft mit dem besessenen Reporter Cal glaubhaft zu machen. Das ist eine unübersehbare Schwäche bei dem ehrgeizigen Unternehmen, den Inhalt einer vielgerühmten sechsstündigen BBC-Serie (von 2003) aus London nach Washington zu übertragen und zu einem zweistündigen Thriller zu komprimieren – samt dramatischer Fluchten der Reporter vor einem Auftragskiller.
Senator Collins durchleuchtet in einem Untersuchungsausschuss eine besonders trübe Praxis der Bush-Administration: die Privatisierung von Kriegen durch Söldner-Firmen. Mit dem Schwung eines neuen Kennedy will er ähnliche Regierungsaufträge ausforschen, die über Irak und Afghanistan hinaus reichen. Doch dann wird er zum armen Sünder à la Clinton, der für seine Affäre mit einer Praktikantin öffentlich Buße tun muss. Während sich Fernsehsender (und natürlich die Internet-Blogger) auf diesen wohlfeilen Skandal stürzen, lassen sich Cal und Della nicht beirren bei ihrer Suche nach den Hintermännern, die mal mit Rufmord, mal mit Mord die Geschäftsinteressen eines "Sicherheitskonzerns" zu schützen scheinen.
Da gibt es schöne Miniaturen von zwielichtigen Politikern und doppelzüngigen Beratern, die durchaus gereicht hätten für eine spannende Verschwörungsgeschichte im Stil der 1970er Jahre. Zumal der Regisseur Kevin Macdonald Washington-Bilder zeigt, die so vieldeutig bedrohlich wirken wie Idi Amins Uganda in seinem ersten Spielfilm, dem "letzten König von Schottland".
Doch leider enthüllt das Drehbuch zum Finale ganz neuartige Spuren und opfert die Folgerichtigkeit eines politischen Thrillers für platte kriminalistische Spannung. Das verwässert diese Umformung einer Fernseh-Vorlage zu einem Drama, in dem junge Reporter lernen, dass man "nur mit Druckerschwärze an den Fingern" große Geschichten schreiben könne. Das Pressemilieu wird so großartig beschworen, dass ein amerikanischer Zeitungskritiker meinte: Zeitungen mögen eines Tages aussterben, aber bestimmt nicht das Genre dieser Zeitungsfilme, in denen selbst die grimmige Helen Mirren für eine gute Story den Redaktionsschluss hinaus schiebt, obwohl "jede Stunde 20 000 Dollar kostet".
Bewertung: 4 von 5 Sternen
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






