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Kinokritik: "Lolo – Drei ist einer zu viel“
Boulevardkomödie mit WLAN-Verbindung

Lolo – Drei ist einer zu viel: Kritik zur Boulevardkomödie mit Julie Delpy
FOTO: dpa, hjb
Düsseldorf. Der französische Film "Lolo – Drei ist einer zu viel" wäre fast eine große Enttäuschung geworden – zum Glück spielt Julie Delpy mit.
 
Das ist das Tolle an Julie Delpy, dass sie immer Geschichten aus der Gegenwart erzählt, und zwar auf heitere und erhellende Art. Deshalb wirken die Filme der 46-Jährigen zumeist wie gut geschriebene Kolumnen aus Lifestyle-Magazinen, in denen ja auch das Geschichtenerzählen mit dem Kommentieren verbunden wird, und dass es ernst wird, merkt man mitunter gar nicht, weil dieser Bussi-Bussi-Prosecco-Sound so schön prickelt.
Von Philipp Holstein

Komödien über die auf hohem Niveau jammernden Fourty-Somethings sind das, Beziehungs- und Städte-Filme, Generationen- und Seelenporträts. Die "Before Sunrise"-Trilogie von Richard Linklater mit ihr und Ethan Hawke zum Beispiel gehört zum Allerherrlichsten auf der Welt, und wer sie noch nicht kennt, ist zu beneiden und sollte sich unbedingt gleich morgen frei nehmen, um sie sich am Stück anzusehen und ein bisschen dabei zu schluchzen.

Julie Delpy hat den Film selbst inszeniert

Die von Delpy sowohl geschriebenen als auch inszenierten transatlantischen Patchworkfamilien-Filme "2 Tage in Paris" und "2 Tage in New York" bilden dann sozusagen die parallele Erzählung, Echtheit und wahres Leben, klug beobachtet und fein eingerichtet: #LebenMitKindern. Da schaut man zu und denkt: Das bin ja ich! Heiterkeit mit Wahrhaftigkeitszertifikat.

"Lolo" heißt nun der neue Film, Julie Delpy inszeniert wieder selbst und spielt auch die Hauptrolle, und neben ihr sieht man Dany Boon, den viele als liebenswerten Zauderer in "Willkommen bei den Sch'tis" erlebt haben, diese wahnsinnig erfolgreiche Komödie von 2008.

"Lolo" beginnt sehr französisch, mit zwei Frauen nämlich, die sich recht offenherzig über Begierden und Vorlieben, über Kerle und deren körperliche Vorzüge unterhalten: augenzwinkernde Zotenhaftigkeit, Kichern mit Erfahrungshorizont, komplizenhaftes "Oh là là". Man fragt sich, ob die Filmförderung so etwas bewusst unterstützt, weil es zur Frankreich-Folklore gehört und die Menschen anderswo es von den Franzosen eben erwarten. Oder ob Franzosen echt so sind. Wahrscheinlich beides ein bisschen.

Es geht um eine späte Liebe

Julie Delpy jedenfalls spielt eine dieser gut aufgelegten und auch ein bisschen melancholischen Frauen, denn darum geht es hier: um späte Singles und die Liebe, um die Gegenwart eben. Delpy lernt im Urlaub einen Mann kennen, der auf den ersten Blick kein Traumtyp ist, sondern ein bisschen tumb und schlecht gekleidet. Aber er hat ein großes Herz, und er kann es ganz wunderbar vom rechten Fleck nehmen und vor ihr ausschütten, außerdem hat er Humor, und wer klug ist, findet das sowieso wichtiger als alles andere.

Eine Urlaubsbekanntschaft also, die sich für ein Upgrade zum Lebensgefährten empfiehlt, aber als der Mann dann tatsächlich zum ersten Mal zu Besuch in Delpys Pariser Wohnung kommt, liegt im Bett, das ja nun eigentlich sein Revier werden soll, der erwachsene Sohn von Julie Delpy, und zwar in Unterhose.

Liebhaber und Sohn streiten sich um die Frau

Der hat ein besonderes Verhältnis zur Mama, das ist die Pointe des Films, ein ungesund enges nämlich. Dieser Ödipussi vergrault die Lover, Freunde und Affären der Mutti stets und mit Nachdruck. Dany Boon ist also der nächste, und die Mama merkt es nicht, Mutterliebe macht blind: "Vielleicht bin ich nicht objektiv", sagt sie, "aber mein Sohn ist die Zukunft der Menschheit." Der Zuschauer weiß es besser, Dany Boon auch, und bald kämpfen zwei Männer um eine Frau – der eine um seine Mutter und der andere um seine Freundin.

Das klingt nach gutem Komödienstoff, das könnte Boulevardtheater mit WLAN-Anschluss ergeben, Albernheit mit Fallhöhe. Und weil Komödien im Grunde Tragödien im Clownskostüm sind, könnte man hier einer Frau beim Austarieren ihrer Rollen zeigen, beim Sie-Selbst-Werden, im Kampf gegen die Zuschreibungen. Lachen darf man jedoch selten, nachdenklich werden auch nicht, die Handlung plätschert erwartbar vor sich hin.

Gastauftritt von Karl Lagerfeld

Dem Sohn-Darsteller Vincent Lacoste fehlt das Sardonische, das Norman-Bateshafte, das für diese Rolle Pflicht gewesen wäre. Es ist alles ein bisschen gediegen. Man hat statt dessen Gelegenheit, sehr schöne Textilien zu betrachten. Delpy ist hier eine Frau aus dem Fashion Business, deshalb hat auch Karl Lagerfeld einen Auftritt, und er muss ein großer Fan von Julie Delpy sein, denn King Karl bleibt cool, obwohl er ziemlich schlimm angewitzelt wird.

Überhaupt sind die Gastauftritte, die unter Fachleuten Cameos genannt werden, die bemerkenswertesten Momente des Films. Frédéric Beigbeder etwa, der Autor des Romans "39,90", ist per YouTube zugeschaltet, wo er in seiner eigenen Kochsendungsreihe Hähnchen nach baskischer Art anrichtet. Und einmal schleppt Julie Delpy ihren neuen Freund in die Ausstellung des Filmemachers Chris Marker, und das ist besonders erfreulich, da man die ebenfalls gerne gesehen hätte, damals aber wieder mal keine Gelegenheit fand, nach Paris zu reisen.

Die Inszenierung wirkt statisch und wenig leichtfüßig

Mit "Lolo" hat Delpy einen gut gedachten, aber egalen Film gedreht, der sich viel bei französischen Erfolgskomödien der vergangenen Jahre abschaut; sie hat versucht, einen potenziellen Programmkino-Hit zu bauen, und das lässt die Produktion statisch wirken, nicht so leichtfüßig wie gewohnt. Man würde Delpy gern anrufen und nach den Beweggründen fragen, aber wahrscheinlich käme man in dem Telefonat gar nicht bis zu diesem Film, weil einem die Fragen zu "Before Sunrise" viel wichtiger wären und selbstverständlich auch die Frage, wann sie denn endlich mal wieder Musik macht – ihre Platte war doch damals auch so schön.

Man freut sich also schon auf den nächsten Film mit Julie Delpy, und bis dahin kann man sich noch einmal "Before Sunrise" ansehen, immer wieder die Szene, in der Ethan Hawke dann doch nicht heimfliegt: "Du verpasst dein Flugzeug." – "Ich weiß."
Gut, dass es Julie Delpy gibt.

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