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Musical "Nine" mit Starbesetzung: Mamma Mia!

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 25.02.2010 - 10:44

(RP). Regisseur Rob Marshall bringt nach dem oscarprämierten Erfolg "Chicago" von 2002 das nächste Musical ins Kino. In "Nine" spielen und singen Stars wie Nicole Kidman und Penelope Cruz. Die großen Namen helfen nicht: Der Film nach einer Vorlage von Federico Fellini ist misslungen.

Vielleicht wurde Penélope Cruz für ihre Rolle in dem Musical "Nine" nur deshalb für den Oscar nominiert, weil sie den Film als das genommen hat, was er ist: ein völlig missratenes Werk, an Künstlichkeit kaum zu überbieten. Als einziges Mitglied des Star-Ensembles tritt die 39-jährige Spanierin die Flucht nach vorn an und rutscht für ein Lied, das ihr im Refrain den Text "Cootchie, Cootchie, Cootchie Coo" vorschreibt, an rosa Seidenbahnen entlang. Sie trägt Netzstrümpfe und Mieder, sie ist eine Kirsche, der es in der Schale zu eng wird, und sie singt ein bisschen schief. Aber sie tut all das im Bewusstsein, dass es schräg ist, trash, und meilenweit entfernt von so etwas wie Erotik, Galanterie oder Sexyness, und eben das rettet ihre Würde. Nicht allen Kollegen mag das gelingen. Man leidet als Zuschauer arg. "Nine" kann man im Kino demnächst im Anschluss an die "Rocky Horror Picture Show" zeigen.

Trash à la Hollywood

Dabei gilt Regisseur Rob Marshall als Spezialist für das schwierige und eigentlich nicht mehr zeitgemäße Genre Kino-Musical. Der Amerikaner gewann 2002 den Oscar mit "Chicago". Er brachte darin die Kraft einer wuchtigen Story mit der Energie perfekter Choreografien zusammen. Man durfte nach diesem mitreißenden Film auf Gutes hoffen, zumal Marshall neben Cruz auch Nicole Kidman, Sophia Loren, Kate Hudson, Judi Dench, Marion Cotillard und Fergie, die Sängerin der Band Black Eyed Peas, engagieren konnte.

Leider nahm sich Marshall eine Geschichte vor, die kaum im Wechsel von Gesang und Spiel zu erzählen ist. "Nine" hält sich an Federico Fellini und dessen Meisterwerk "Achteinhalb" von 1963. Darin reflektiert ein Regisseur, gespielt von Marcello Mastroianni, über seine Blockade, und daraus entsteht intellektueller Prickel mit schönen Bildern. Marshall bedient sich dieses Stoffes über einen Umweg. Er wählt die Broadway-Fassung des Films als direkte Vorlage, aber statt Fellini, Visconti und Antonioni ist das bei ihm eher Berlusconi: von allem zu viel, stets am Rand des Erträglichen und eigentlich zum Lachen.

Wenig Fellini, viel Berlusconi

Das Musical spielte in einem einzigen Raum, das war sein technischer Clou, nur so konnte es gelingen, es beschränkte sich auf die Studio-Dekoration des Films, den die Hauptfigur Guido nicht zu drehen vermag. "Nine" weitet Raum und Story, möchte das Rom der 60er Jahre einfangen, schmale Krawatten und schnelle Autos zeigen. Aber Cafés, Sportwagen und die kurzen Röcke sind nicht mehr als Staffage – "Nine" ist keine Hommage an eine Zeit, sondern eine Travestie.

Im Zentrum der Erzählung um künstlerische Lähmung und erotische Konfusion steht Guido Contini. Daniel Day-Lewis spielt ihn, oder besser: Er bringt ihn mit Ächzen auf die Leinwand, jede schauspielerische Energie verweht im Qualm seiner vielen filterlosen Zigaretten. An Day-Lewis, dem Meister des Method Acting, der detailbesessenen Vorbereitung, rauscht die Rolle vorbei. Neun Frauen tanzen um seinen ewig sardonisch lächelnden Guido herum, die Frauen seines Lebens: darunter Mama, die Gattin, die Geliebte, die Muse und die, mit der es zwischendurch etwas werden könnte. Rasch fragt sich der Zuschauer jedoch, was die vielen Damen von dem Langweiler wollen. Guido hätte das Herz der Inszenierung sein müssen, die Sonne, um die sich alles dreht. Er ist indes distanziert, frauenfeindlich und so anstrengend, dass es niemandem Spaß macht, mit ihm zu sein. Die Zuschauer eingerechnet.

Uninspiriertes Plastikkino

Könnte sein, dass in der Besetzung der männlichen Hauptrolle auch der Grund für die Uninspiriertheit der Tanz- und Gesangsszenen liegt. Während sich Cruz hinter die Peinlichkeit flüchtet, bewahrt Cotillard mit eleganter Zurückhaltung die Fassung. Die anderen bleiben Nummerngirls, spitzenbesetzt und rotgerüscht wie im Saloon einer Wild-West-Persiflage: viel Bein und Brust, aber nirgendwo ein Hauch von Lust. "Nine" ist ein Plastikprodukt, eine Idee, reines Instant-Kino. Seine Tiefpunkte sind die frostige Vorstellung von Nicole Kidman, die wie ihr eigener Roboter wirkt, sowie der als Rückblende getarnte Stammestanz von Fergie als von Lümmel-Jungs angehimmelte Dorf-Prostituierte. Striptease ist so eine Sache, nicht jeder ist Kim Basinger. Aber so wenig Glut sieht man selten, wenn der Regisseur wünscht, dass es brennen möge. Alles so gewöhnlich, sogar vulgär. Umso verwunderlicher ist das Misslingen, da doch der 2008 verstorbene Anthony Minghella am Drehbuch mitgeschrieben hat; ihm gelang einst so süffiges Kino wie "Der englische Patient" und "Unterwegs nach Cold Mountain".

Das Musical ist ein artifizielles Genre. Es muss die Balance finden zwischen Handlung und Tanz, zwischen Erzählung und Show. Man kann sich diese Künstlichkeit zunutze machen, sie ausschöpfen, denn sie birgt die Möglichkeit, dick aufzutragen, mit den Augen zu zwinkern. Penélope Cruz hat das getan. Marshall und der Rest des Teams wollten mit den Vorgaben des Formats lieber nicht spielen.

Sie meinen alles ernst. Das ist nicht gut.

Bewertung: 1 von 5 Sternen

Quelle: RP

 
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