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"Das Wetter in geschlossenen Räumen"
Das Geschäft mit dem Mitleid

Maria Furtwängler in "Das Wetter in geschlossenen Räumen" im Kino
Maria Furtwängler in einer Szene von "Das Wetter in geschlossenen Räumen". FOTO: dpa, wk hjb
Düsseldorf. Es ist eine zynische Welt, in die Dorothea Nagel da geraten ist. Während draußen geschossen wird, Panzer durch die Straßen rollen, organisiert sie Spendenbälle im Luxushotel. Und weil die Schönen und Reichen bei Laune gehalten werden müssen, trinkt sie stets ein Glas zu viel. Von Dorothee Krings

So hat sie sich gewöhnt an das Leben in einer dekadenten Parallelwelt, in einer Blase gespielter Gutmütigkeit, in der niedliche Flüchtlingskinder beim Bankett auftragen müssen, um ihren Schicksalsgenossen Schulstipendien zu verschaffen. Rührung zahlt sich aus.

Während Deutschland diskutiert, wie viel Gutmütigkeit es sich leisten will, kommt ein Film ins Kino, der das Spendenwesen kritisch bespiegelt und mit teils grotesken Überzeichnungen vorführt, wohin das führt, wenn Helfen ein Geschäft ist. Isabelle Stever inszeniert das in "Das Wetter in geschlossenen Räumen" mit viel Gespür für die kleinen Gesten der Verlogenheit und den großen Zynismus, an dem auch jene zugrunde gehen, die das Spiel betreiben. Und sie hat mit Maria Furtwängler eine Hauptdarstellerin gewonnen, die sonst als "Tatort"-Kommissarin die coole, perfekte Karrierefrau gibt, eine, die alles im Griff hat.

Charity-Lady, Chefzynikerin, und darin abscheulich gut

In die Welt der Wohltätigkeit vor Krisenkulisse gespült, kann sie diese Fassade mit Lust einreißen. Eine ganz andere Furtwängler ist zu erleben, eine, die den Schein nicht mehr wahren kann, die sich gehen lässt, die trinkt, die einen jungen Liebhaber an sich binden will, mit allen Mitteln. Diese Frau ist sich selbst unerträglich geworden, aber zugeben kann sie das nicht. Sie ist ja erfolgreiche Charity-Lady, Chefzynikerin, und darin abscheulich gut. So viel Mut zur Hässlichkeit und zum verzweifelten Exzess hätte man der kühlen, selbstbeherrschten Furtwängler nicht zugetraut.

Allerdings ist der Film vor allem eine Situationsstudie. Die Geschichte will nirgends hin, sie folgt keiner Spannungsdramaturgie, steigert nur die Bilder der Dekadenz immer weiter. Das langweilt irgendwann, weil die Botschaft schnell klar ist: Im Kapitalismus muss sich auch Wohltätigkeit lohnen. Die Mechanismen des Marktes wirken auch auf das Spendenwesen und dann zählen eben rührende Bilder und die Einflussreichen gefallen sich darin, Schecks auszustellen.

Das ist bitter anzusehen in einer Zeit, in der so sehr um Mitmenschlichkeit gerungen wird, wie gerade in Europa. So trifft der Film die Gegenwart, obwohl er ausgerechnet von einer Frau erzählt, die Flüchtlinge vermarkten will und vor leeren Zelten steht. Die Frau weiß sich zu helfen, zieht ihr Abendkleid an und gießt sich Gin ein. Selbstzerstörung als Flucht vor der Wirklichkeit. Zynismus kann tödlich enden.

"Das Wetter in geschlossenen Räumen", Deutschland 2015, Regie: Isabelle Stever, mit: Maria Furtwängler, 96 Minuten

Quelle: RP
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