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Film-Kritik: Meeresfrüchte: Kuscheln mit Muscheln

zuletzt aktualisiert: 18.07.2005 - 15:49

Meeresfrüchte haben den Vorteil,  köstlich zu schmecken: Nach Sommer, Sonne, Salzwasser und entspannten Ferien. Manchmal bekommt man davon allerdings auch ganz üble Magenverstimmungen. Im gleichnamigen französischen Film gibt es ebenfalls ordentliche Verstimmungen, in der Familie, mit den Freunden und überhaupt: Côte d'Azur in amüsanter Hormonwallung.

Außer an "Meeresfrüchten" knabbern die Herren der Schöpfung noch ganz gerne an anderen Dingen...  Foto: Prokino (Fox)
Außer an "Meeresfrüchten" knabbern die Herren der Schöpfung noch ganz gerne an anderen Dingen... Foto: Prokino (Fox)

Die souveräne Mama (Valeria Bruni-Tedeschi), der spleenige Dad (Gilbert Melki) und Charly (Romain Torres), der 17-jährig und auf dem Weg, erwachsen zu werden, eine Überraschung für seine Eltern hat, machen dort Ferien, wo der Papa einst seine Jugend verbrachte. In einer wunderschönen Sommervilla rücken sie ihre Verhältnisse zueinander gerade. Das geschieht vor allem musikalisch. "Meeresfrüchte" ist näher am Musical denn am Spielfilm. Dem Regie-Duo Olivier Ducastel und Jacqes Martineau ist die Leichtigkeit oberstes Prinzip. Sie stellen eine eigenwillige, sympathische Familie vor. Die Mutter, liberale Holländerin, und zunächst attraktiver Mittelpunkt dieser Geschichte, merkt es als Erste, nachdem Charlys Freund Martin im Ferienhaus angekommen ist: Charly ist schwul. Na klar, hätte man schon eher drauf kommen können. Den Papa verwirrt die Feststellung, oder nennen wir es Vermutung, um einiges mehr. Folglich holt er bei Tisch zu einer AIDS-Rede aus, wie sie Frau Merkel nicht besser hingekriegt hätte. Die Gespräche und bald auch die Szenen drehen sich ausschließlich um Sex. Dies ist nicht gänzlich uninteressant, aber doch eintönig.

Masturbation unter der Dusche als Running Gag wirkt irgendwann eher verkrampft als lustig. Auch dass hier keiner die Wahrheit sagt, erdrückt die Komödie, statt sie anzutreiben. Ganz so, als zwinge der ewig gleiche Handlungsort - die Villa samt erlaufbarer Umgebung - das Vorwärtskommen der Story in die Knie. Daneben ermüden die ewigen falschen Fährten. Während man bedauert, dass der Beziehungsreigen zäh auf der Stelle tritt und sinnige Handlungshaken fehlen, sorgen Showeinlagen zumindest für Unterhaltung. Da wird am Strand gesungen und getanzt, als gäbe es kein Morgen. Dieses spielerische Element führt schnell dazu, dass sich all die heiter inszenierten Betrügereien, die Selbstbefriedigung unter der Dusche und die ganzen Figuren einfach nicht mehr ernst nehmen lassen. Doch das wollten Ducastel und Martineau wohl nicht erreichen. Dass sie der heterosexuellen Monogamie kräftig auf die Füße treten, ist natürlich in Ordnung.

Keine Tabus

Aber die französischen Regisseure manövrieren sich allzu turbulent und aufdringlich durch ihren Singsang und grasen den Jahrmarkt der Eitelkeiten ab, bis kein Halm mehr steht. Bevor man zu einem befriedigenden Ende kommt und zu seinen Bedürfnissen steht, wird durch die Nacht geschlichen und viel mit Türen geknallt. Sobald ein wenig Ernsthaftigkeit aufkommt, flüchten alle in die nächste lustige Szene. Nicht nur Charly nervt das so, dass er sich nach der Schule sehnt. Das Autorenteam protzt, dass es bei ihnen nur einen Bad Guy gab: die Mischung aus Regeln, Tabus und Beschränkungen, die jeder mit sich trägt. Sie setzen ihrem Film, der nichts zu sagen hat außer Plattitüden, einen friedlichen Märchenschluss auf, jagen das gesamte Ensemble in einen schrillen Toleranztanz. Jeder darf alles, Vive l' Utopie! Doch dazu sollte das Heitere nicht ins Banale abdriften. Schade ist es um das brillante Schauspielteam. Um einen Jean-Marc Barr, der in seinen kurzen Szenen alles Interesse auf sich zieht, um Melki, den nervösen Familienvater, und auch um Bruni-Tedeschi, die selten so wenig Seiten zeigen durfte wie hier als Aphrodisiakum. Für die Berlinale 2005 war "Meeresfrüchte" ein ungemein beschwingter Film, und so lief er in der unterhaltsamen "Panorama"-Reihe.


 
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