Muss man normal sein, um zu heiraten?: Midlife-Krise auf Argentinisch in "Der Sohn der Braut"
zuletzt aktualisiert: 23.12.2002 - 12:50Frankfurt/Main (rpo). Immerhin 42 Jahre alt ist Rafael, "Der Sohn der Braut". Braut Norma ist eigentlich schon seit langem verheiratet, aber nur standesamtlich, und dämmert in einem Pflegeheim vor sich hin. Als Rafaels Vater Nino sie um eine Hochzeit in Weiß bittet, reagiert der Sohn mit Midlife-Crisis und Herzanfall.
Als Nino seinen Sohn um Hilfe bei seinem Vorhaben bittet, greift sich Rafael an den Kopf: Als ob er nicht schon genug Probleme hätte! Und erleidet bald darauf einen Herzanfall. Midlife-Krise auf Argentinisch: Der Film erzählt zwar nichts Neues, aber dies so gekonnt, dass man mit allen Protagonisten mitfühlt und -lacht. Vor allem mit seinem Antihelden Rafael, der sich bisher durchs Leben gemogelt und seine Probleme durch das Anschauen seiner Lieblingsfernsehserie "Zorro" verdrängt hat.
Dabei wirkt er stets äußerst hektisch: Dank der argentinischen Wirtschaftskrise muss er sein italienisches Restaurant, das er vom Vater übernommen hat, aus ständigen finanziellen Engpässen herauslavieren. Seine Ex-Frau macht Zicken, für seine Tochter findet er nicht genug Zeit, und seine junge Geliebte Naty hält er auf Distanz.
Die Beziehung zur Mutter ist zerrüttet, weil Norma trotz Alzheimer nicht vergessen hat, dass Rafael einst sein Jurastudium geschmissen hat. Mit psychologischem Geschick und mit einer Mischung aus Ironie und Warmherzigkeit, die oft an Lubitsch erinnert, verknüpft Regisseur Juan José Campanella die Handlungsstränge dieser an sich schlichten Geschichte und zeigt Menschen, die den Alltag, die Realität und ihre Wünsche und Macken miteinander in Einklang bringen müssen.
Unter trickreicher Mithilfe seines wieder gefundenen Freundes Juan Carlos erkennt Rafael am Ende, dass er das, was ihn am meisten nervt, am meisten braucht: eine Familie. Diese Erleuchtung kommt gewiss nicht unerwartet, doch bis dahin fragt sich der auf hollywoodsche Instant-Problemlösungen geeichte Zuschauer des öfteren, wie der Weg wohl verlaufen möge.
Und wo die zur Zeit so beliebten skandinavischen Alltagskomödien mit lakonischem Humor operieren, kommen hier ein Charme und ein Temperament zur Geltung, wie man sie wohl nur in lateinamerikanischen Komödien mit ihrer Tradition des magischen Realismus findet. "Running Gag" und roter Faden des Films ist nämlich Ninos unvernünftiger Hochzeitswunsch, der beweist, dass man manchmal etwas Verrücktes tun muss, um normal zu bleiben. "Du bist verrückt", sagt denn auch die demente Norma zum zweiten Heiratsantrag Ninos. Und als ein Priester in wohl begründeten Worten Ninos Heiratsansinnen zurückweist, poltert Sohn Rafael erbost: "Seit wann muss man logisch denken, um katholisch zu sein?"
Mühelos findet diese bitter-süße Komödie das Leichte im Schweren: Sentimentale Anwandlungen werden stets von pointierten Dialogen unterminiert, und besonders Norma, die mit engelhaftem Gesicht ungestraft Schimpfwörter von sich gibt, zieht die Zuschauer auf ihre Seite - auch Alzheimer hat also gewisse Vorteile. Man vergisst indes keinen der Darsteller so schnell, und auch die Atmosphäre dieses Films, der in Buenos Aires spielt, ist so schön verhalten und melancholisch, wie man es im Idealfall von einem argentinischen Film erwarten kann. Dieser zugleich leichtfüßigen und tiefgründigen Komödie wünscht man auch bei uns viele Zuschauer.
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