Kino-Kritik: Mit 16 schwanger
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 20.03.2008 - 14:45Düsseldorf (RP). Die 16-jährige Juno ist so süß und grell wie das aralblaue Wassereis, das sie literweise aus riesigen Pappbechern saugt. Juno braucht Flüssigkeit; der Test ihres Lebens steht bevor. In einem Supermarkt kauft sich das Mädchen mit dem Sommernamen einen Schwangerschaftsstreifen, verschwindet auf die Toilette und verkündet kurz darauf der kaugummikauenden Kassiererschaft des Ladens, dass ist, was nicht sein soll: Juno ist definitiv schwanger.
Nun beginnt ein Film, der sich als schlagfertige Teenie-Komödie gibt und lange Zeit so tut, als wolle er nur wieder durchwitzeln, in welche Schwierigkeiten ein zu junges Mädchen mit gewölbtem Bauch so gerät. Für diese Fährte hält der Film auch das passende Begleitpersonal bereit: den humorvollen Knurrvater, die spleenige Stiefmutter mit unerfülltem Hundewunsch, die vorlaute Beste-Freundin-Göre und natürlich den leicht tumben Kindsvater, der bis zu jener Nacht mit Juno auf dem fiesen braunen Cordsessel nur Sport im Kopf hatte.
Doch es bleibt nicht beim rasanten Teenie-Spaß: Jason Reitmans Film „Juno“ nimmt eine Wende, die ihn fast unbemerkt in ein aufmerksames Gesellschaftsporträt verwandelt, zwei Sozialschichten aufeinanderprallen lässt und testet, in welcher die Menschen ehrlicher, zufriedener, glücklicher leben. Nach Kurzbesuch in der Schwangerenberatungsstelle beschließt die muntere Juno nämlich, das Kind in ihrem Bauch nicht etwa abzutreiben, sondern es einem jungen Ehepaar zu überlassen, das im besseren Viertel der Stadt lebt und dem zum Glück nur eines fehlt: ein Kind.
Über eine Annonce im Supermarktblättchen findet Juno diese Traumeltern und ist mit ihnen bald einig: Gleich nach der Geburt soll der Säugling in sein neues Heim. Geld lehnt Juno empört ab. Sie will nur, dass ihr Kind aus dem besten Nest ins Leben startet und hält Vanessa (Jennifer Garner) und Mark (Jason Bateman) für optimale Erziehungsberechtigte.
Doch während ihr Bauch immer praller wird, lernt Juno das Paar aus dem Vorzeigevorort besser kennen und ist bald nicht mehr sicher, ob sie die richtige Wahl getroffen hat. Auch an diesem Punkt vernäht der Film seine Geschichte nun aber nicht mit dem so naheliegenden Rührsel-Ende, sondern geht weiter einen eigenwilligen Weg.
Über eine Beinahe-Abtreibung und das Für und Wider von Adoptionen einen komischen Film zu machen, ist ein Wagnis. Denn solche Geschichten zielen auf die Gesellschaft, wo sie am empfindlichsten ist. Familien sind nun mal die beschützenswerten Kleineinheiten, aus denen sich das Gemeinwesen zusammensetzt. Und wenn die Sozialgerüste schon wanken, ist Familienhalt ein Kitt, den niemand gerne splittern sieht.
Dass Reitman der Humorangriff auf Mutterglück und Familienidyll trotzdem glückt, liegt am klugen Drehbuch von Diablo Cody. Denn die hat nicht die Dekonstruktion der Familie im Sinn, sondern die Zersetzung heuchlerischer Familienklischees. Darum nimmt sie zunächst das Musterpärchen ins Visier und zeigt, wie die verzweifelte Sehnsucht nach einer heilen Familie das falsche Paar zusammenschweißt. Das allein wäre noch nicht überraschend. Cody geht aber noch einen Schritt weiter und schlägt sich mit weiteren Wendungen ihrer Geschichte ganz auf die Seite der Frauen: einer, die unbedingt Mutter werden will, und einer, die erkennt, dass sie die Verantwortung einer Mutter nicht tragen kann – und die einer Abtreibung auch nicht.
Eine scheinbar harmlose Komödie lässt also bürgerliche Fassaden bröckeln und rehabilitiert zugleich die bürgerliche Sehnsucht nach Mutterglück. Für diese überraschend ironiefreie Geschichte hat Diablo Cody in diesem Jahr ganz zurecht den Drehbuch-Oscar bekommen. Und dass Hauptdarstellerin Ellen Page zumindest für einen Oscar nominiert war, geht auch in Ordnung. Sie ist das völlig ungekünstelte, frische, freche Zentrum des Films.
Und es gelingt ihr die hohe Kunst der Komödie: mit flotten Sprüchen bestens zu unterhalten – und doch den Ernst ihrer Lage ahnen zu lassen. Manchmal ist Schlagfertigkeit eben nur eine andere Spielart der Tapferkeit.
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