Kino-Kritik: Mit Abba auf Vatersuche
VON FRANK NOACK - zuletzt aktualisiert: 17.07.2008 - 09:44Düsseldorf (RP). Die Produzenten von Musicalverfilmungen greifen nur in den seltensten Fällen auf die Originalbesetzung zurück. Sie bevorzugen Hollywoodstars, selbst wenn sie weder singen noch tanzen können. Woran liegt das? Sehen die Broadwaystars aus nächster Nähe so schlecht aus, dass man ihnen keine Großaufnahmen zumuten kann?
Natürlich nicht. Schließlich zählt auch beim Musik- und Tanztheater gutes Aussehen. Und so göttlich sehen die meisten Filmstars nun auch nicht aus. Warum werden sie dann bevorzugt? Vielleicht möchte das Publikum in einem Musicalfilm gerade deshalb Darsteller ohne Gesangs- und Tanzausbildung sehen, weil ihnen das Singen und Tanzen nicht in die Wiege gelegt wurde. Das Publikum möchte sehen, wie sie über sich hinauswachsen und Dinge tun, die ihnen eigentlich fremd sind.
Streep als Energiebündel
Meryl Streep zum Beispiel, die vielleicht größte Filmschauspielerin ihrer Generation, die aus der nächsten Generation noch keine Konkurrenz befürchten muss: Sie, die Vielgepriesene und Beliebte, hat auch Gegner, die ihr Kopflastigkeit vorwerfen. Von ihr gehe keine elementare Kraft aus, sie sei keine physische Schauspielerin.
Tatsächlich gab es eine Zeit, in der Streep vor allem damit beschäftigt war, polnische, dänische, irische oder australische Akzente einzustudieren und an einer Haarsträhne herumzufingern. Einen forschen Gang, eine unverkennbare Körpersprache wie einst Katharine Hepburn oder Bette Davis hat sie nie entwickelt.
Doch sie ist mit ihren 60 Jahren immer noch lernwillig und sucht nach Herausforderungen. Den Vorwurf, sie besäße kein Temperament, widerlegt sie endgültig mit „Mamma Mia!“ Sie ist ein Energiebündel und als solches fast immer im Bild. Man kommt aus dem Staunen und Schwärmen nicht heraus, eben weil man sie so nicht kennt.
Etwas forciert wirkt es anfangs, wenn sie in Latzhosen durch die Gegend stampft und versucht, ordinär und burschikos zu sein. Inmitten echte griechischer Kleindarsteller auf einer echten griechischen Insel bleibt sie ein Fremdkörper, ein Stargast. Das passt jedoch zur Rolle, denn Donna ist nicht von hier. Vor zwanzig Jahren hat sie nach einer gescheiterten Liebesbeziehung beschlossen, sich von der Welt zurückzuziehen und sich allein ihrer neugeborenen Tochter zu widmen.
Diese Tochter, Sophie (Amanda Seyfried), ist inzwischen erwachsen und möchte ihren Freund Sky (Dominic Cooper) heiraten. Ihr fehlt nur ein Vater, der sie am Traualtar dem Bräutigam übergeben könnte. Zufällig entdeckt sie Donnas Tagebuch und erfährt, dass drei Männer in Frage kommen. Also lädt sie alle drei zur Hochzeit ein.
Die dadurch ausgelösten Verwicklungen sind vorhersehbar. Nicht vorhersehbar ist der Einsatz der Abba-Lieder. Man kennt sie im Schlaf, staunt jedoch immer wieder über ihren Einsatz im Film. Phyllida Lloyd, eine erfahrene Musical-Regisseurin, findet in ihrem Kinodebüt verblüffende szenische Lösungen für die Gesangseinlagen. Obwohl die gesamte Handlung rund um Donnas Haus angesiedelt ist, entdeckt Lloyd ständig neue, originelle Perspektiven. Man vergisst schlichtweg, dass hier eine Bühnenvorlage bearbeitet wurde. Ungewöhnlich großzügig ist auch die Verteilung von Gesangseinlagen auf ein Dutzend Darsteller. Jeder kommt einmal dran.
Der etwas hölzerne Ex-James Bond Pierce Brosnan bewährt sich passabel, während Colin Firth fast zu gut für eine Nebenrolle ist. Aus einem ganz anderen Film scheint der dritte Vater, Stellan Skarsgard, hereingestolpert zu sein: Wie er sich den Bierbauch streichelt und lüstern nach jungen Frauen Ausschau hält, passt weniger zu Abba als zu Charles Bukowski. Reizvoll ist es trotzdem.
Im Abspann übt Meryl Streep dezent Rache an einer Kollegin. 1996 hat sie die Rolle der Evita an eine gewisse Madonna verloren. Hier übernimmt sie deren Makeup und Frisur und beweist, dass sie die bessere Madonna sein könnte.
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