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Mit Mozart gegen Mao: Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

zuletzt aktualisiert: 22.12.2003 - 10:04

Frankfurt/Main (rpo). Kann ein Huhn ein Klassenfeind sein? Für die Einwohner eines abgelegenen chinesischen Bergdorfes ist selbst ein Kochbuch mit leckeren Hähnchenrezepten gefährliche konterrevolutionäre Propaganda. Die Tragikomödie "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" spielt im Jahre 1971 während der so genannten Kulturrevolution.

Sie erzählt das Schicksal zweier Gymnasiasten, die als Söhne bürgerlicher Intellektueller zur Umerziehung in die Provinz verbannt werden. Bei ihrer Ankunft konfiszieren die analphabetischen Dörfler sogleich das Gepäck und veranstalten eine kleine Bücherverbrennung, der fast auch die Violine von Ma zum Opfer fällt. Ma geigt den misstrauischen Bauern eine Mozartsonate vor, benennt sie geistesgegenwärtig um in ein unverdächtiges "Mozart sehnt sich immer nach dem Großen Vorsitzenden Mao" und macht Mozart zum heimlichen Dorfhelden.

Mit Intelligenz und Chuzpe werden sich Ma und Luo fortan durch alle prekären Momente lavieren, die ihr unfreiwilliger Landaufenthalt für sie bereithält. Als sich beide in die aufgeweckte Enkelin des lokalen Schneiders, genannt "Kleine Schneiderin" verlieben, bekommt ihr Dasein zwischen dem Schuften in der Kupfermine und dem Schleppen von Fäkaliendünger sogar einen Sinn. Denn das illiterate Mädchen steht auf Geschichten und bittet die Jungs, ihr Bücher vorzulesen.

Deshalb klaut das Trio dem Verbannten "Brillenschlange" dessen streng gehüteten Koffer voll literarischer Konterbande: ultrabourgeoise europäische Romane. Fortan schwelgen die Teenager in vorwiegend französischen Liebes- und Abenteuergeschichten des 19. Jahrhunderts, doch die literarischen Vitamine haben ungeahnte Risiken und Nebenwirkungen.

Der nach Frankreich emigrierte Chinese Dai Sijie verfilmte selbst seinen gleichnamigen Bestseller als einen Mix aus Autobiografie und Fiktion. Man hat ihm bereits vorgeworfen, die Kulturrevolution zu verharmlosen, und tatsächlich erinnert seine bitter-süße Rückbesinnung an die Vergangenheitsbewältigung hiesiger ostalgischer Filme: Die Abgründe zwischen kommunistischer Theorie und Praxis dienen zuallererst als sprudelnde Witzquelle. Doch Dai Sijie hat sich bereits in Dokumentarfilmen mit den Opfern der "Roten Garden" befasst.

Bewegende Dreiecksgeschichte

Hier jedoch will er eine poetische Dreiecksgeschichte erzählen, die von juveniler Begeisterung für Literatur gespeist wird - mit der wohl niedlichsten Rotgardistin, die je auf der Leinwand zu sehen war. Wenn die Teenager Balzac und Flaubert, Kipling und Dostojewski inhalieren, verbinden sich die drei schönsten Dinge des Lebens: Liebe, Literatur und Reisen, - und seien sie auch nur im Kopf.

Das gilt sowohl für den Zuschauer, der mit dem Drehort am Phönix-des-Himmels-Gebirges eine atemberaubende, wildromantische Landschaft kennen lernt, als auch für die wachsende Zahl der Zuhörer. Denn Ma und Luo, die zum Besuch revolutionärer Filme in die Stadt geschickt werden, um den Dörflern davon zu erzählen, peppen in ihren Schilderungen das Pathos albanischer und koreanischer Propaganda-Streifen mit Anleihen bei Dumas und Stendal auf.

Komisch-deftige und ergreifende Episoden wie etwa eine improvisierte Zahnarztbehandlung und eine Demonstration chinesischer Medizin werfen weitere Streiflichter auf den primitiven dörflichen Alltag. Trotz eines bärbeißigen kommunistischen Dorfvorstehers drückt der Film dabei seine Sympathie für diese bäuerliche Welt aus, die dem Untergang geweiht ist, wie eine elegische Rückbesinnung am Ende zeigt.

Doch am bezauberndsten ist die "éducation sentimentale" des Trios: Wie im Film "Jules & Jim" werben die Jungs um die kleine Schneiderin, die sich schließlich für Luo entscheidet und auch sonst ihren eigenen Kopf entdeckt. Denn der literarische Eskapismus hat den Geschmack von Freiheit und bringt nicht nur ihren Opa, der Rüschenblusen im Stil des 19. Jahrhunderts schneidert, auf dumme Gedanken. Ein bildschöner und bewegender Liebesfilm, der zugleich mit verblüffender Beiläufigkeit den Zusammenhang zwischen Literatur und Utopie anschaulich macht und die Kraft der Fantasie beschwört.

Luo (Chen Kun) und die Schneiderin (Zhou Xun) im Film "Balzac und die kleine Schneiderin".  Foto: RPO
Luo (Chen Kun) und die Schneiderin (Zhou Xun) im Film "Balzac und die kleine Schneiderin". Foto: RPO

 
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