"Easy Virtue" im Kino: Mit Vollgas in die 20er Jahre
VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 24.06.2010 - 21:34Düsseldorf (RP). Jessica Biel, Kristin Scott Thomas, Colin Firth – mit feiner Besetzung inszeniert Stephan Elliott die 20er-Jahre-Komödie "Easy Virtue", in der eine amerikanische Schwiegertochter eine reiche britische Familie durcheinander bringt. Der bissigen Geschichte fehlt es einzig ein wenig an Schwung.
Nun ist Schluss mit artig. Dieses Gefühl hat viele Frauen in den goldenen 20ern beflügelt, was wiederum zu allen möglichen Reaktionen von älteren Herren und dräuenden Matronen führte. Eine der Hymnen auf die Hausmuttchen-Verweigerungsbewegung hieß "Easy Virtue" und war ein Theaterstück aus der Feder des damals hochgeschätzten Autors Noel Coward.
Der australische Regisseur Stephan Elliott ("Priscilla, Queen of the Desert") hat das böse Lustspiel um eine freche, neue Schwiegertochter, die ein britisches Oberklassebübchen unerwartet der verklemmten, kontrollsüchtigen Mama präsentiert, spät noch einmal neu verfilmt. 1928 hat Alfred HItchcock schon einmal eine Stummfilmfassung des Stoffes vorgelegt. Hinter solchen ungewöhnlichen Projekten, sollte man denken, stecke echte Begeisterung.
Gute Schauspieler
Vermutlich mag Elliott den Stoff ja wirklich so sehr, wie das alle Regisseure von allen ihren Vorlagen gern behaupten. Vielleicht sieht er deshalb die Schwächen seiner Inszenierung nicht mehr. Kein Zweifel, er hat eine gute Besetzung beieinander. Kristin Scott Thomas spielt den Schlossdrachen Mrs. Whittaker, Colin Firth den leidenden Mr. Whittaker, den der Weltkrieg fast so mitgenommen hat wie die Flammenspuckereien seines Weibes.
Jessica Biel gibt die in den Landhausmief und den goldenen Käfig des "Das haben wir schon immer so gemacht" platzende junge Amerikanerin. Die fährt Autorennen, gibt allen Widerworte und schaut aus, als ob sie Spaß am Sex hätte, lauter Undenkbarkeiten für eine Frau von Oberklasse. Ben Barnes steht da ein wenig im Schatten als Whittaker-Sohn, der dem exotischen Wesen von einem ganz anderen Kontinent verfallen ist.
Doch Elliott stellt diese gute Besetzung richtiggehend aus. Er baut kein Milieu auf, sondern einen Schaukasten für seine Prachtpuppen, und wenn er merkt, dass das Ganze leblos zu werden droht, dann überbetont er derbe Gags – das Schicksal des kleinen Hundes, der zum falschen Zeitpunkt auf der Saloncouch sitzt und zerquetscht wird etwa.
Kontrast von Herr- und Dienerschaft
Die Beengtheit des Theaterstücks will Elliott abschütteln. Er zeigt gern draußen das Auto in voller fahrt oder die Fuchsjagdgesellschaft zu Pferde. Aber da geht er den falschen Weg. Statt noch mehr vom ritualisierten Leben der feinen Leute zu zeigen, hätte eine moderne Verfilmung wohl in Küche und Keller und unters Dach zu den Dienstboten schauen müssen. Der Konflikt zwischen aufgeschlossener Jugend und regeltreuen Alten ist schließlich nur eine Petitesse, gemessen an den Spannungen zwischen denen, die Befehle geben, und jenen, die Befehle ausführen müssen.
Immer wieder drängen sich Vergleiche mit Robert Altmans genial maliziösem "Gosford Park" auf, der den Kontrast von Herr- und Dienerschaft zu nutzen wusste. Aber Elliott erweitert den Text und Blickwinkel von Cowards Stück nicht. Das bringt ihn nach einer Weile in die Klemme.
Denn auch wenn die lauten Idiotien der feinen Leute hie und die kleinen Bosheiten der enthüllenden Erzählung da vom Erstickenden dieses feinen Lebens erzählen sollen, so drängt sich doch ein Element der Nostalgie in den Film. Eben weil Elliott in Drehbuch und Kamera die Meinung dieser Figuren übernimmt, sie seien eigentlich der Mittelpunkt der Welt, weil er sie nicht durch die abwechselnde Beschäftigung mit anderen Menschen und Problemen verzwergt, wird er wider Willen zum Komplizen der Herrschaften.
So fasziniert ist der Film von der Dekadenz und Selbstkasteiung der Whittakers, dass er selbst an der tief eingeatmeten miefigen Schaukastenatmosphäre an Schwung und Witz verliert. Wir wundern uns dagegen nur, dass Jessica Biel sich nicht in ein schnelles Auto setzt, um dieser gediegenen Langeweile davonzubrausen.
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