Film-Kritik: "Monster": Die Mörderin und die Schauspielerin
zuletzt aktualisiert: 13.04.2004 - 14:23Berlin (rpo). Für ihre Rolle in "Monster" ist Charlize Theron mit dem Oscar für die Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet worden. Die gebürtige Südafrikanerin spielt Aileen Wuornos, die für ihre Serienmorde an Männern hingerichtet wird. Der Film kommt ab 15. April in die Kinos.
Eine junge Frau, die mordend Rache nimmt an ihrem armseligen Los, und eine junge Frau, die sich eine heikle Rolle unglaublich anverwandelt und deshalb zu höchsten schauspielerischen Ehren gelangt. Das sind die beiden Hauptfiguren des furiosen Regiedebüts der Amerikanerin Patty Jenkins.
Völlig verdient ist Theron vor einigen Wochen mit dem Oscar ausgezeichnet worden. Denn was die bislang eher für ihre Schönheit als für ihr künstlerisches Vermögen bekannte Theron in diesem Film zeigt, ist eine Sensation: Für die 111 Minuten Laufzeit des abseits von aller Traumfabrik-Routine produzierten Dramas mit realem Hintergrund hat sich das ehemalige Model in eine aufgedunsene, ungepflegte und vulgäre Gelegenheitsprostituierte verwandelt. Theron spielt diese ebenso Furcht erregende wie bemitleidenswürdige Frau nicht nur, sie schlüpft mit beklemmender Glaubwürdigkeit in deren Haut.
Wer war diese Aileen Wuornos - und war sie wirklich ein "Monster"? Aus zerrütteten Verhältnissen stammend, wurde sie mit acht Jahren sexuell missbraucht, mit 13 begann sie sich zu prostituieren. Der Ekel vor den Männern treibt sie in eine lesbische Beziehung. Wuornos tötet einen gewalttätigen Freier aus Notwehr, bringt danach sechs weitere Männer um und beraubt sie. 1991 verhaftet, zeigt sie vor Gericht keine Reue: Todesurteil. In den Jahren bis zu ihrer Hinrichtung in Florida im Oktober 2002 machen die Medien die Mörderin zur öffentlichen Figur: Dokumentarfilme entstehen, Biografien werden verfasst, sogar eine Oper handelt von der Todeskandidatin.
Eine Existenz ganz am Rande der US-Gesellschaft
Auch die "Monster"-Regisseurin hat noch mit Wuornos korrespondiert, sie aber nicht persönlich kennen gelernt. Jenkins und Theron zeichnen das tragische Lebensbild einer Frau, die eigentlich nie eine Chance auf ein auch nur halbwegs glückliches Leben besaß. Nur ihre wohl eher emotionale als sexuelle Leidenschaft zu der zierlichen Selby, von Christina Ricci mit anrührender Verletzlichkeit gespielt, ist ein Lichtschimmer im Trübsal ihrer Existenz. Mit Geschenken, die sie aus der Beute ihrer Raubmorde finanziert, will sich Wuornos der Gunst der Freundin immer wieder versichern. Doch auch in dieser Beziehung wird sie Verrat und Enttäuschung erleben.
Patty Jenkins hat den Weg der unglücklich-brutalen Mörderin in die Todeszelle ohne falsche Rührseligkeit inszeniert. Nie denunziert sie ihr "Monster", aber sie verklärt es auch nie. Das genau war die Herausforderung, die von der Regiedebütantin glänzend bestanden wurde. Für Oscar-Gewinnerin Theron, die als Teenager miterlebte, wie ihre Mutter den gewalttätigen Vater in Notwehr erschoss, war diese Rolle ganz offensichtlich eine Herzensangelegenheit. Dafür hat sie sich 14 Kilo Übergewicht angefuttert, dafür hat sie sich so hässlich gemacht.
Männer spielen in diesem Drama nur eine untergeordnete Rolle, wobei das schreckliche Schicksal eines der Opfer der Mörderin genügend Empörung erzeugt, um deren Idealisierung vorzubeugen. "Monster" ist kein Unterhaltungsfilm und auch nicht einer der vielen Serienkiller-Thriller Hollywoods. Es ist vielmehr die Geschichte einer Frau, die tötet und raubt, um wenigstens einmal in ihrem armseligen Leben Bedeutung zu haben, geliebt zu werden. Und der Film zeigt ganz beiläufig auch, wie es ist, in den großen USA ganz am Rand und ganz im Schatten zu existieren. Was wir sehen, lässt frösteln.
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