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Wunderbare Darsteller in der Verfilmung des Dickens-Romans: "Nicholas Nickleby": Odyssee durchs viktorianische England

zuletzt aktualisiert: 05.01.2004 - 10:08

Eine wunderbare Verfilmung des Romans von Charles Dickens hat Regisseur Douglas McGrath mit seiner Odyssee "Nicholas Nickleby" abgeliefert. Aus ihrem netten Paradies wird die Familie Nickleby vertrieben, um im London Hilfe vom reichen Onkel zu erbitten.

Nach dem Tod des Vaters sind der 19-jährige Nicholas, Mutter und Schwester Kate finanziell ruiniert. Weinend räumen sie das rosenumrankte Country-Home und ziehen ins verrußte London, um Hilfe vom reichen Onkel Ralph zu erbitten. Die Tragikomödie "Nicholas Nickleby", die am 8.1. anläuft, ist eine kongeniale Verfilmung des 980 Seiten starken dritten Romanes von Charles Dickens.

Es ist eine opulente Odyssee durch die Plagen und Freuden des frühkapitalistischen Englands, prallvoll mit Humor und Trauer, kompromisslosem Gut und Böse: Kein Jota weicht Regisseur Douglas McGrath, in viktorianischen Dingen bereits geeicht durch seine entzückende Jane-Austen-Verfilmung "Emma", von der märchenhaften Dickensschen Schwarzweißmalerei ab.

So ist der von Habgier und Grimm zerfressene Wucherer Ralph davon besessen, seine arme, aber edelmütige Verwandtschaft zu verderben. Kate, die als Schneiderin ihr kärgliches Brot verdient, kann sich nur mit Mühe der zuhälterischen Bestrebungen des Spekulanten erwehren, der sie mit seinen adligen Anlegern verkuppeln will. Nicholas, den der Onkel derweil als Hilfslehrer in ein heruntergekommenes, Tuberkulose verseuchtes Waisenheim auf dem Lande geschickt hat, legt sich bald mit dem sadistischen Heimleiterpaar an, das seine Schutzbefohlenen verprügelt und hungern lässt. Schließlich flieht er mit dem misshandelten Jungen Smike, dessen mysteriöse Herkunft im Schuld-Sühne-System der weitläufigen Handlung die wichtigste Rolle spielen wird.

Ende für geldgierige Schulmeister

Oft hat man dem genialen Erzähler Dickens Sozialkitsch vorgeworfen - immerhin aber sorgte sein aufklärerischer Roman dafür, dass dem Unwesen geldgieriger Schulmeister per Gesetz ein Ende gemacht wurde. Sein Panorama des viktorianischen Englands umfasst ungefähr drei Dutzend liebens- und hassenswerter Charaktere von ganz unten bis in die Oberschicht, deren Lebenswege sich so lange kreuzen, bis jeder seine verdiente Strafe beziehungsweise Belohnung erhalten hat.

Der Film, der das monumentale Romangebäude entkernt und sich auf einige rote Fäden beschränkt, übernimmt die leicht kolportagehafte Übertreibung der Zustände. Und schafft es dabei, die rigorose Dickenssche Moral-Buchhaltung mit deutlichem Augenzwinkern zu begleiten, ohne jedoch die sozialkritischen guten Absichten des Schriftstellers zu verleugnen. Psychopathisches Verhalten wird in diesem historischen Sozialmärchen ebenso beiläufig herausgearbeitet wie exzentrisch-deftige Charaktere, etwa in Person eines überschwänglichen Wandertheaterbetreibers, der den schönen Jüngling Nicholas als Romeo engagiert.

Nicholas' Mutter ist keine Jammergestalt, sondern eine zwar charmante, aber unterbelichtete Dame, welche den Sorgen ihrer Kinder mit ostentativer Begriffsstutzigkeit begegnet. Von skurrilem Humor zeugt auch ein grummeliger Diener Ralphs, der seinem hartherzigen Chef hörbar Widerworte gibt und ihn heimlich sabotiert.

Wunderbares Ensemble

Die Inszenierung dieses vielstimmigen Gewusels und die Balance zwischen manchmal deftigem Witz und gefühliger Tragik funktioniert dank dem wunderbaren, zumeist britischen Darstellerensemble. Glücklich die Kulturnation, die so viele glänzende Mimen hat: Timothy Spall, in Ken Loachs Sozialdramen stets ein armer Tropf, darf hier einen gemütlich-gutgelaunten Dicken spielen; Jamie Bell (der Star aus "Billy Elliot") ist herzzerreißend als verschüchterter Smike; die zickige Juliet Stevenson ("Emma", "Kick it like Beckham") spielt die spitznasige Heim-Domina Mrs. Squeers als einen Drachen, wie er bei Dickens nicht besser im Buche gestanden hat.

Nathan Lane als pompöser Theaterdirektor samt seiner schrägen Truppe reizt ebenso zum Lachen wie Onkel Ralph - Christopher Plummer - gruseln macht. Sie alle kontrastieren vorzüglich mit den beiden Geschwistern Nicholas und Kate, die so engelhaft blond und anständig sind, dass sie naturgemäß blass bleiben müssen. Diese temperamentvolle viktorianische "comédie humaine" ist zwar wegen ihres Waisenhaushorrors nichts für die Allerkleinsten, ansonsten aber der perfekte Film für die ganze Familie.

Szene aus dem Film "Nicholas Nickleby".  Foto: RPO
Szene aus dem Film "Nicholas Nickleby". Foto: RPO

 
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