Kino-Kritik: Nie war Fantasy so fantastisch
VON PETER STEINHART - zuletzt aktualisiert: 16.10.2008 - 08:06In der Überfülle sich überschlagender Einfälle geht die Story fast unter, samt ein paar Rückblenden in „Hellboys“ Jugend – in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als ein gütiger englischer Professor das Findelkind- Teufelchen zu einer Geheimwaffe gegen Nazis und andere Mächte des Bösen domestizierte, bis es zu einem gigantischen Muskelprotz heranwuchs. „Hellboy“ (Ron Perlman) hat sich zwar zum Zeichen seines guten Willens seine Hörner abgefeilt, bleibt aber mit seinem langen Schweif und seiner feuerroten Hautfarbe eine so beunruhigende Erscheinung, dass ihn die amerikanische „Behörde für paranormale Forschung und Verteidigung“ vor der Öffentlichkeit in einem unterirdischen Labyrinth versteckt, direkt unter New York.
Guillermo del Torro
Der 43-jährige Mexikaner drehte 2006 in Spanien „Pans Labyrinth“ über die Albträume eines Kindes im Bürgerkrieg. Es wurde der erfolgreichste, mit drei Oscars prämierte spanischsprachige Film in der Kinogeschichte der USA.
Del Toro arbeitet in Amerika und Spanien. Er gilt als Bücherwurm, sein erstes Buch habe er mit vier Jahren gekauft, erzählte er mal.
Die Stadt ist prompt wieder das erste Ziel in einem neuen Krieg dämonischer Mächte gegen die Menschheit. Diese Menschen, findet der leichenblasse Prinz Nuada, haben sich nicht an das Abkommen gehalten, dem Reich der Elfen und Trolle die Wälder zu überlassen. Er ermordet seinen friedfertigen Vater, den greisen Elfen-König, und schickt als erste Invasionstruppen die kleinen „Zahn-Feen“, die Menschen mit Haut und Knochen zerknabbern und von überdimensionalen Unholden wie dem „Walddämon“ und dem Todesengel unterstützt werden.
Nur ungern lässt sich Hellboy in seiner komfortablen Wohnhöhle beim Fernsehen stören. Das führt zu Spannungen mit seiner Lebensgefährtin Liz, die sich bei Zornesausbrüchen in eine Feuersäule verwandelt. Dann ersäuft er mit seinem Freund, dem Fischmenschen Abe Sapien, den Liebeskummer in Dosenbier, bis sie gemeinsam „Can‘t Smile without You“ grölen. Denn auch Abe hat sich verliebt – in Prinzessin Nuala, die wasserbleiche Zwillingsschwester des Prinzen Nuada.
Doch auf die Kunde, dass sein Erzfeind aufgetaucht sei, lässt sich Hellboy mit seinen Freunden wieder zum Kriegseinsatz überreden. Manchmal muss er vor tödlichen Fallen so hastig fliehen, dass er seinen Zigarrenstummel zu kauen vergisst. Und vor lauter Duellen mit dem zauberhaft akrobatischen Prinzen Nuada bleibt kaum noch Zeit für Einlagen schwarzen Humors. Etwa die Begegnung mit einer netten alten Dame, bei der Hellboy, ein Katzenfreund, sofort durchschaut, dass sie mit dem aus einer Mülltonne befreiten Kätzchen Schlimmes im Schilde führt.
Wenn Guillermo del Toro Erfindungen aus anderen Fantasy-Filmen übernimmt, dann baut er sie zu einer überwältigend barocken Überfülle aus. Der Bazar der Trolle und Elfen etwa, zu dem eine Geheimtür unter der Brooklyn-Brücke führt, zitiert zwar die interstellare Kantine aus „Star Wars“. Doch hier tummeln sich so fantastische Gestalten zwischen einer solchen Fülle unheimlicher Waren, dass sich der Zuschauer eher an Hieronymus Bosch oder Goya als an George Lucas erinnert fühlt.
Mit bewundernswerter Eleganz bändigt del Toros langjähriger Kameramann Guillermo Navarro den überbordenden Spaß an verwegenen Computer-Tricks zu einem durchgehenden visuellen Stil, einer Art Mischung aus Fantasy-Keltenzeit und „1001-Nacht“-Orient. Nur die „Goldene Armee“, des bösen Prinzen letzte Wunderwaffe aus „70 mal 70“ goldblank glitzernden Roboter- Kriegern, kommt zu spät, um die Märchenhaftigkeit der Actionszenen noch zu steigern.
Weil sich die Fantastik der Figuren- und Bilderfindungen nicht endlos steigern lässt, begnügt sich auch dieser Film manchmal mit der monotonen Aneinanderreihung wilder Kampfszenen. Das enttäuscht bei einem Regisseur wie Guillermo del Toro. Aber unter den vielen Superhelden-Comic-Verfilmungen dieser Saison bleibt “Hellboy 2“ dennoch der unterhaltsamste.
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