Kino-Kritik: Offside: Wo die Mädels im Abseits stehen
zuletzt aktualisiert: 26.06.2006 - 10:56Anlässlich der Fußball WM dürften sich die iranischen Spieler gewundert haben, wie viele Frauen - und dann auch noch leichtbekleidet - die Sportler anfeuerten. Im Iran selbst haben religiöse Führer den Mädchen und Frauen komplett verboten, auch nur das Stadion zu betreten. Die Folge: Manche verkleiden sich als Junge, um endlich am Spiel teil zu haben.
Regisseur Jafar Panahi erzählt in "Offside" (Abseits) mit schlitzohriger Raffinesse von sechs Iranerinnen, die unbedingt ein wichtiges Spiel der Nationalmannschaft sehen wollen, aber im Stadion von Sicherheitskräften festgenommen und daran gehindert werden.
Im Bus zu Teherans Fußballstadion sitzt ein Junge in der Ecke. Wer genau hinsieht, erkennt, dass es ein als Fan verkleidetes Mädchen ist. Mit einem Trick schafft sie es ins Stadion, doch dann wird sie bei einer Kontrolle festgenommen. Ein Soldat bringt sie zu einer Absperrung, hinter der bereits fünf weitere junge Frauen stehen. Auch sie haben versucht, sich als Männer verkleidet Zugang zum Spiel des Iran gegen Bahrain in der Qualifikation für die Fußball-WM zu verschaffen. Doch Frauen ist im Iran der Zutritt zu Sportveranstaltungen mit männlichen Athleten verboten.
Während die Festgenommenen auf den Transport zur Sittenpolizei warten, hören sie, wie das Spiel verläuft, dürfen es aber nicht sehen. Dafür verwickeln die aufgeweckten Mädchen die Soldaten in entlarvende Diskussionen. Am Ende gewinnt Iran, was bei der Busfahrt in die Stadt ein Verkehrschaos auslöst. In der feiernden Menge können die sechs Frauen straflos untertauchen.
Regisseur Panahi hat in seiner Heimat einen schweren Stand. Keiner seiner fünf langen Filme ist bisher in seiner Heimat in den Kinos gelaufen. Dafür hat er mit allen wichtige internationale Preise gewonnen. So wurde das düstere Frauendrama "Der Kreis" auf den Filmfestspielen in Venedig 2000 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. "Offside" erhielt auf der diesjährigen Berlinale einen Silbernen Bären.
Mit neorealistischer Präzision schildert Panahi meist harte Frauenschicksale, die viel über das gesellschaftspolitische Klima im Iran enthüllen. Kein Wunder, dass solche Filme dem Mullah-Regime nicht gefallen.
Im Kontrast zu seinen bisherigen Arbeiten gibt sich Panahi in "Offside" ungewohnt humoristisch. Wenn ein junger Soldat wie ein Radioreporter das Spiel mit holprigen Sätzen zu kommentieren versucht, zeigt sich, dass die jungen Frauen viel mehr von dem Thema verstehen. Von den aufmüpfigen Frauen nach dem Sinn des Verbots befragt, sagt ein Rekrut, dass "Frauen die Unflätigkeiten grölender Männer im Stadion nicht zuzumuten sind".
Panahi hat die namenlosen Rollen weitgehend mit Laien besetzt, was dazu führt, dass manche Szene etwas holprig daherkommt. Auch stellen sich im Diskurs am Sperrgitter und bei der Busrückfahrt einige Längen ein. Indem die zentralen Ereignisse in Echtzeit gedreht werden, gelingt der Regie jedoch eine authentische, fast dokumentarisch anmutende Atmosphäre.
Möglicherweise hat die Würdigung des Films im Ausland inzwischen dazu geführt, dass im Iran eine Diskussion ausgebrochen ist, ob das Verbot nicht doch aufgehoben werden sollte.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






