Originelles Jugendmärchen: "Das Geheimnis von Green Lake"
zuletzt aktualisiert: 28.10.2003 - 15:03Frankfurt/Main (rpo). Weil Stanley Yelnats ein Paar Turnschuhe auf den Kopf gefallen ist, wird er als vermeintlicher Dieb zu 18 Monaten Haft in der Erziehungsanstalt Green Lake verdonnert. Der Unglücksrabe akzeptiert diese kafkaeske Ungerechtigkeit mit fatalistischem Gleichmut, denn er hat längst verinnerlicht, dass seine Familie vom Pech verfolgt ist.
Und das stimmt: Zufälle gibt es nicht im Kindermärchen "Das Geheimnis von Green Lake", dessen magisches Weltbild von raffinierten Querverbindungen zwischen schweißigen Turnschuhen, Tieren, Menschen, Vergangenheit und Gegenwart durchwoben ist.
Fast zu viele Geschichten ziehen ihre Kreise in der Verfilmung des angelsächsischen Jugendbuchbestsellers "Holes" von Louis Sachar, der unter dem Titel "Löcher" auch hier zu Lande viele Fans hat. Und wer den Roman nicht kennt, muss aufpassen, um die Spur der diversen roten Fäden, die sich durch etliche Rückblenden winden, nicht aus den Augen zu verlieren.
Die Besserungsanstalt entpuppt sich als apokalyptisch anmutendes Wüstencamp inmitten einer Kraterlandschaft: Tagein, tagaus müssen die Teenager Löcher buddeln. Der tiefere Sinn dieser pädagogischen Methode enthüllt sich so allmählich wie der Name "Green Lake" für dieses sonnendurchglühte Horrorcamp, dessen Chefin eine unsagbar böse, ihre Nägel mit Klapperschlangengift lackierende, Cowboystiefel tragende Domina ist.
Den Part der Fee übernimmt der unruhige Geist von "Kissin' Kate Barlow", einst liebliche Lehrerin im Wilden Westen, die zur Postkutschenräuberin mutierte, Schätze zusammenraffte und ihre Opfer mit einem Todeskuss zierte. Sie trieb ebenso ihr Unwesen in dieser verfluchten Wüstenei wie die giftigen Echsen, die vielleicht noch aus Kates Glanzzeit stammen und vor denen der talentierte Lochgräber Stanley noch mehr zittert als vor dem Aufseher, einem bierbäuchigen Redneck mit Elvis-Tolle, der, um sich das Rauchen abzugewöhnen, dauernd Sonnenblumenkerne kaut. Doch auch er kann Stanley nicht davon abhalten, seinem neuen Freund Zero auf dessen Flucht in die Wüste zu folgen, wo sie verblüffende Entdeckungen machen.
Ursprung des Familienfluchs in Lettland
Wie im traditionellen Märchen werden Kinder hier nicht mit Samthandschuhen angefasst: Sie schwitzen, schuften, verhungern und verdursten fast, müssen sich ständig unter Todesgefahr bewähren - und sind doch aufgehoben in einem fürsorglichen Universum, das nicht in Tagen, sondern in Jahrhunderten denkt und in dem Hilfe aus den seltsamsten Ecken kommt. So ist Stanleys Abenteuer zwar nicht direkt lustig, aber äußerst originell und verzweigt sich in immer skurrilere Episoden.
Ohne Angst vor Überforderung seiner Zielgruppe schreckt dieser exzentrische Kinderfilm nicht davor zurück, einen ins 19. Jahrhundert in ein primitives Lettland zu entführen, wo der Familienfluch der Yelnats seinen Ursprung hat: Das Übel an der Wurzel dieses schicksalsgebeutelten Einwanderer-Stammbaums scheint die zornige Zigeunerwahrsagerin Madame Zeroni zu sein. Oder ist sie etwa die Glücksgöttin? Sie wird gespielt von der Sängerin Eartha Kitt als auffallendstes Mitglied des Schauspieler-Ensembles, das mit Sigourney Weaver und Jon Voight erstaunliche Starpower besitzt.
Ebenso gelungen ist die Besetzung des gutmütig-geduckten Stanley mit dem Nachwuchsdarsteller Shia LaBeouf. Die zumeist schwarzen Getto-Kids im Camp sorgen für Bodenhaftung - doch die Wüste mit ihren Fata Morganas gewinnt mythische, überzeitliche Dimensionen: Regisseur Andrew Davis ("Auf der Flucht", "Ein perfekter Mord") gelingt die Balance zwischen surrealem Eskapismus und glaubhaftem Realismus, zwischen alten und modernen Legenden, und als Bindeglied dient ihm der banale Alltag. So könnte es durchaus sein, dass die Mär von Madame Zeroni Spinnerei und die Obsession von Stanleys Vater, ein todsicheres Deodorant gegen Käsefüße bei Sportlern zu entwickeln, dagegen an allem schuld ist.
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