Neu im Kino: Milk: Portrait eines zarten Kämpfers
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 19.02.2009 - 22:39Düsseldorf (RP). Sean Penn spielt in "Milk" von Gus Van Sant einen Politiker, der im San Francisco der 70er Jahre für die Gleichberechtigung kämpft. Es ist ein leuchtender, großartiger Film, dessen Erzählung kraftvoll in unsere Gegenwart wirkt. In Amerika gilt er als erster Beitrag des Kinos zur Ära Obama.
Da ist ein Leuchten in diesem Film, man fühlt sich beseelt von der Geschichte und verlässt den Kinosaal mit einem warmen Gefühl im Brustkorb – aber mit kühlem Kopf. Wer "Milk" gesehen hat, versteht, warum amerikanische Kritiker ihn als ersten Beitrag des Kinos zur Ära Obama bezeichnet haben. Auf der Leinwand ist Aufbruch, man spürt eine Unschuld, eine Reinheit, die in große, euphorisierende Zuversicht mündet: Ja, wir schaffen das! Dann fallen Schüsse.
"Milk" erzählt Zeitgeschichte. Es geht um Harvey Milk, den ersten in ein höheres Amt gewählten US-Politiker, der sich zu seiner Homosexualität bekannte. Sean Penn spielt die Galionsfigur der Schwulenbewegung, die 1977 in den Stadtrat von San Francisco einzog, und es ist seine faszinierendste Rolle. Wenn er blumenumrankt die Siegerfaust reckt, sieht das zart aus, tastend, ein bisschen linkisch und sympathisch. Penn deutet die Posen des Politbetriebs um, gibt ihnen etwas Kindliches, als sei das kein Ernst, sondern Spiel, als sei jetzt alles gut im Leben und das hier erst recht.
Gus Van Sant auf DVD
Von Gus Van Sant sind soeben zwei Filme erstmals auf DVD erschienen. Das Debüt „Mala Noche“ (1985) erzählt von der glücklosen Liebe eines Ladenbesitzers zu einem illegalen Einwanderer. „Paranoid Park“ (2007) ist ein mit Laiendarstellern gedrehter Krimi aus dem Skater-Milieu.
Harvey Milk arbeitete als Versicherungsmakler in New York. Am Abend vor seinem 40. Geburtstag sprach er in der U-Bahn einen jungen Mann mit blonden Locken und enger Hose an, er nahm ihn zu sich nach Hause, und sie blieben für viele Jahre zusammen. Sie zogen nach San Francisco, ließen sich die Haare wachsen, zogen bunte Hemden an, eröffneten in der Castro Street, die das Zentrum der Fahrt aufnehmenden Schwulenbewegung war, einen Fotoladen und scharten Freunde und Gleichgesinnte um sich. Es ist ein märchenhafter Beginn, mit dem Kolorit einer Zeit der Befreiung. Man fühlt rote Rosen regnen, heile Welt. Für leise grollende Unruhe sorgt allein eine Rahmenerzählung, in der Harvey Milk ein Tonband mit seinem Testament bespricht – "für den Fall meiner Ermordung".
Regisseur Gus Van Sant inszenierte das Biopic überraschend traditionell. Der 56-Jährige ist einer der faszinierendsten Filmemacher Amerikas. Seine letzten Arbeiten "Elephant", "Last Days" und "Paranoid Park" erzählen von Außenseitern und arrangieren deren Lebenläufe experimentell und düster. "Milk" hingegen lässt sich eher mit Van Sants traditionellen Filmen aus den 90er Jahren vergleichen, mit "Good Will Hunting" etwa und "Forrester – Gefunden!". Er legt das ganze Gewicht auf das Historisch-Biografische, und ihm gelingt ein wuchtiges Werk, weil er Sean Penn hat und weil die wahre Erzählung kraftvoll in unsere Gegenwart wirkt.
Harvey Milk organisierte Demonstrationen für die Rechte der Schwulen, und weil er einsah, dass man nur aus der Mitte heraus verändern kann, rasierte er sich, kaufte sich Anzug und Krawatte und kandidierte für den Stadtrat. Dreimal gelang es ihm nicht, der vierte Anlauf brachte ihn hinein ins Zentrum der Macht. Dort stellte er bald unter Beweis, dass er sich nicht nur für die Forderungen der schwulen Gemeinschaft engagieren wollte, sondern auch für kommunale Anliegen, für Senioren, Behinderte. Milk wurde zu einer beliebten Persönlichkeit öffentlichen Lebens. Aber ihm blieb nur ein Jahr.
Was den Film großartig macht, ist die Art, wie er ein Leben nacherzählt. "Milk" ist keine Heiligenbiografie. Van Sant verschweigt nicht, wie hoch der Preis für den Erfolg seiner Hauptfigur ist. Harvey Milk verlor Liebhaber, er verlor die Liebe, und er konnte ein Despot sein – wenn er Getreue zwang, bei ihren Eltern anzurufen und sich zu outen. Die größte Dramatik geht aber von dem Duell Milks mit seinem Konkurrenten im Stadtrat aus: Dan White war ein ehemaliger Polizist, ein ängstlicher Familienvater mit traditionellem Wertesystem. Josh Brolin spielt ihn als gebrochene Figur, homoerotische Neigungen brodeln in ihr, aber nie ist White ein Fanatiker oder Schwulenhasser.
Milk und White arbeiteten zusammen, aber als er eine Niederlage von Harvey im Verbund mit einer Frauenrechtlerin und einer schwarzen Stadträtin beigebracht bekam, konnte White nicht mehr. Er war verwirrt, zog einen Revolver. Harvey Milk hat seinen Tod vorausgeahnt, deshalb das "Testament" auf Tonband, deshalb die Aufforderung, weiterzumachen, Diskriminierungen zu beenden.
Wie gesagt: Man kommt beseelt aus dem Kino. Aber mit kühlem Kopf.
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