Drama "Séraphine" mit Yolande Moreau: Putzfrau wird Künstlerin
VON BIRTE LÜDEKING - zuletzt aktualisiert: 17.12.2009 - 19:47(RP). Eine Putzfrau geht in die Kirche, um zu beten und anschließend Kerzenwachs mitgehen zu lassen. Vom Metzger holt sie sich Hühnerblut und aus der Natur noch weitere Zutaten, um nachts in ihrer Kammer ihre eigenen Farben anzurühren. Die unscheinbare Frau ist Séraphine Louis (Yolande Moreau), eine bis heute weitgehend unbekannte Künstlerin, obwohl sie inzwischen zu den bedeutendsten Vertreterinnen der naiven Malerei zählt.
Im Porträt des Autors und Regisseurs Martin Provost ist die Französin eine verschlossene und später dem Wahnsinn verfallene Haushälterin, die voller Hingabe Dielen schrubbt, Tee serviert und Bäume umarmt. Die Natur ist die wichtigste Inspiration der wunderlichen Außenseiterin, die 1942 mit 78 Jahren in einer Nervenheilanstalt starb.
Provosts ebenso bescheidenes wie bewegendes Drama wurde nicht grundlos mit sieben Césars ausgezeichnet. Die angenehm undramatische Filmbiografie würdigt Séraphine Louis' tragisches Leben und außergewöhnliches Talent mit respektvoller Zurückhaltung und ohne unnötiges Pathos. In langen, ruhigen Einstellungen nähert sich der Regisseur seiner eigensinnigen Hauptfigur bei ihren Streifzügen durch die Natur und beim Kreieren ihrer wilden, farbenprächtigen und zunehmend unheimlichen Pflanzenbilder, die in einer Art Trance-Zustand entstehen. Ein Schutz-Engel führe ihr beim Malen die Hand, meint die tief gläubige Autodidaktin, die schließlich von Kunstsammler Wilhelm Uhde (Ulrich Tukur) entdeckt, gefördert und wieder fallen gelassen wird.
Die komplexe Beziehung zwischen der ärmlichen Séraphine und dem wohlhabenden Uhde beruht wie der gesamte Film nur bedingt auf historischen Fakten, wird von Provost aber facettenreich ausgelegt. Das herausragendste Ereignis der eher unspektakulären Handlung ist Schauspielerin Yolande Moreau. Mit wenigen Worten und umso ausdrucksstärkeren Blicken und Gesten vereint sie Sturheit und Empfindsamkeit, Gottergebenheit und Genialität. Ihr vielschichtiges, rührendes und auch komisches Spiel verwandelt selbst Putzen in Kunst.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
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