Kino-Kritik: Raffiniertes Justiz-Drama
VON PETER STEINHART - zuletzt aktualisiert: 28.02.2008 - 09:35Düsseldorf (RP). Ein Staranwalt dreht durch. Er will nicht mehr die von seinem Psychiater verschriebenen Medikamente schlucken und rennt nackt aus Konferenzsälen. Er wechselt jählings die Front in einem Rechtsstreit, in dem er jahrelang erfolgreich einen Chemiekonzern gegen die Schadenersatz-Forderungen vergifteter Farmer-Familien verteidigt hat, und schreit, er sei „Shiva, der Gott des Todes“.
Es geht um Milliarden, und so schickt der bedrohte Konzern seine schärfste Waffe aus: seine Top-Juristin Karen Crowden, deren Vorbereitungen auf ein wichtiges Treffen parallel zu ihrem Auftritt vor Fernsehkameras gezeigt werden: wie sie Phrasen und Posen vor dem Spiegel ihres Hotelzimmers einstudiert; wie sie ihre Kleidung auswählt, in die sie schlüpft wie ein Krieger in seine Rüstung. Diese Ikone kalter Eleganz inszeniert sich vom starren Haarhelm bis zu den Schuhspitzen wie Bushs Chefdiplomatin Condoleezza Rice. Dass Tilda Swinton, die aristokratische englische Muse sperriger Autorenfilme, ausgerechnet für eine derart anzügliche Verkörperung einer Sendbotin des skrupellos Bösen soeben in Hollywood mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, hat sie sichtlich überrascht.
„Michael Clayton“ gehört zu den Filmen der späten Bush-Jahre, die große Verschwörungen so besessen ausmalen wie einst die Hollywood- Thriller der Ära Nixon. Tony Gilroy, der Drehbuchautor der „Bourne“- Trilogie, hat für seine erste eigene Regie-Arbeit einen raffinierten Plot geschrieben, der an die Justiz- Dramen von John Grisham erinnert, sich aber von ihnen abhebt durch facettenreiche Charakter- Porträts.
Kühner denn je hat George Clooney für die Rolle des Michael Clayton sein Star-Appeal riskiert. Er wirkt wenig sympathisch in seiner schäbigen, moralisch fragwürdigen Existenz als „Fixer“ oder Ausputzer in einer großen Anwaltskanzlei, zuständig für spitzfindige Rechtsbeugungen zugunsten wichtiger Klienten, wenn sich die Star-Verteidiger nicht die Finger schmutzig machen wollen. Sydney Pollack, der große Schauspieler-Regisseur, fasziniert als sein unerschütterlich zynischer Chef, der den von Schulden geplagten „Fixer“ für die Bitte um ein Darlehen wie einen schlecht erzogenen Schüler abfertigt, ehe er ihn zum nächsten peinlichen Auftrag losschickt.
Die Fassade dieses Michael Clayton zeigt schon Risse, während seine Gegenspielerin Karen sich noch diskret in einer Toilette auskotzt, ehe sie sich an einer Straßenecke mit ein paar verdächtig übereleganten Herren in der Kunst des Umschreibens übt bei der Frage, wie störrische Anwälte aus dem Verkehr gezogen werden könnten. Tony Gilroy schürt kriminalistische Spannung in ruhigen, düsteren Szenen voller geschliffener Dialoge.
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