Romanverfilmung "A Single Man": Regiedebüt eines Modemachers
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 08.04.2010 - 10:42(RP). Der frühere Gucci-Chefdesigner Tom Ford erzählt in seiner melancholischen Romanverfilmung "A Single Man" von einem Literaturprofessor, der über den Tod seines Lebensgefährten nicht hinwegkommt. Colin Firth überzeugt in dieser Rolle, weil er sich jedes Pathos verbietet.
Dieser Film handelt von der Liebe, obwohl der Geliebte in den ersten Sekunden stirbt. Zurück bleibt ein Mann, der am Telefon vom Tod seines Freundes erfährt und zur Beerdigung nicht eingeladen wird, weil seine Liebe in den USA der 60er Jahre ein Skandal ist. George kann also nicht öffentlich um seinen Freund trauern. Er kann die Verzweiflung nur in sich verschließen und weiter der ironiegestählte Literaturprofessor sein, der hinter vollkommen stilvoller Fassade wie unerkannt sein Leben fortsetzt. Dieser Mann ringt nicht um Fassung, er hat sich entschieden, Fassung zu bewahren. Weil daheim eine Pistole auf dem Schreibtisch liegt, die diese Qual beenden könnte, dieses Gefühl, ohne den anderen nicht weiterleben zu können. Ja, dieser Film handelt von der Liebe.
Film eines Modemachers
Gedreht hat ihn der Modemacher Tom Ford. Der Mann, der Gucci auf die Beine half und längst sein eigenes Modeimperium geschaffen hat, hat sich den Roman "A single Man – Der Einzelgänger" von Christopher Isherwood vorgenommen und eine perfekte, wenn auch abweichende Adaption geschaffen. So gediegen in der Ausstattung, so sinnlich in der Farbgebung, so souverän in den Bildschnitten ist dieser Film, dass man einfach immer wieder dieses Wort denken muss: perfekt, perfekt, perfekt.
Nun wäre es ein Leichtes, dem Mann aus der Modewelt genau das vorzuwerfen, ihn zum Werbefilmer zu erklären, dessen Blick an der edlen Fassade hängen bleibt. Zumal Ford und sein Kameramann Eduard Grau mit Großaufnahmen von makellos geschminkten Frauenlippen, Zigarettenqualm vor Sonnenuntergang oder adretten Nachbarskindern in duftigen Röckchen alles auffahren, was der Werbefilm zu bieten hat. Doch genau darum geht es nun mal in dieser Geschichte. Es geht um die Fassade, um einen Mann, der sich dahinter einrichten musste, weil Offenheit ihn um alles gebracht hätte. Es geht um die Leere und Erstarrung in einer Gesellschaft, für die das Äußere entscheidend ist.
Ständig ticken Uhren in diesem Film, und dazu erklingt ein Soundtrack mit den Repetitionen der Minimal Music, kurze Melodiebögen, unendlich wiederholt, ein Pochen ist das, ein gleichförmiger Puls, der nirgendwo hindrängt, nur anzeigt, dass etwas weiterlebt. Die Zeit nagt an George, nicht weil sie vergeht, sondern weil sie leer ist, teilnahmslos, gleichgültig. So wie George selbst, seit sein Freund gestorben ist.
Colin Firth spielt diesen George bezwingend, weil er ihn ohne jedes Pathos spielt, ohne die wütende Geste des Nihilisten. George ist nicht alles egal. Das sieht man, wenn er sich sorgsam ankleidet, mit seinem eleganten Mercedes zur Uni fährt, auf dem Campus auf den Flirt eines Studenten eingeht. Denn dann ist da Melancholie in seinen Zügen, die verrät, dass er sich an das andere Leben erinnert, an die Zeit, als er sich noch begeistern konnte. George ist kein Verächter des Schönen, nur einer, dem die Freude daran vergangen ist. Und der auch darum trauert.
Suizidale Einsamkeit
Wie einsam dieser Mensch ist, zeigt sich ausgerechnet in jener Szene, da er seine beste Freundin besucht, eine immer noch schöne Frau, die in ihrem gediegenen Heim sitzt wie in einem 60er-Jahre-Designkäfig und so viel Gin trinkt, dass die Herrichtung für den Abend schon mal den ganzen Tag kosten kann. Julianne Moore spielt diese unsagbar traurige Frau mit dem verzweifelten Sarkasmus einer gealterten Rebellin, die weiß, dass das Leben sie bezwungen hat. Und wenn sie so mit George bei Tisch sitzt und nicht ahnt, dass der zum Abschiedsbesuch gekommen ist, fürchtet man noch mehr um diese Frau als um den Mann, der seinen Selbstmord plant. Zwei Verlorene speisen da noch einmal miteinander, die ein Leben lang befreundet sind und sich das Entscheidende doch nicht sagen.
Geschmackvoll ist auch das Ende des Films, dem man die ganze Zeit entgegenbangt, weil die Pistole doch so früh auf dem Tisch liegt und nichts schlimmer ist als ein stilvoller Film mit zu gefühligem Ende. Aber natürlich ist Verlass auf Tom Ford. Seine Geschichte trifft den rechten Ton bis zum Schluss, bleibt dezent, distanziert und ergreift gerade durch das Beherrschte seiner Haltung.
So verlässt man das Kino mit dem traurigen Gefühl, etwas Vollendetes betrachtet zu haben, das doch nicht glücklich macht. Melancholie der Makellosigkeit – sie weiß um die Vergänglichkeit. Wahrscheinlich kann man dieses Gefühl edler Leere nur inszenieren, wenn man alles so perfekt macht wie Tom Ford. Und wahrscheinlich muss man dafür Modemacher sein.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
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