Neu im Kino: Richard Nixon geht in die Falle
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 05.02.2009 - 07:43(RP). 1977 gab der gestürzte amerikanische Präsident Nixon das einzige Interview nach seinem Rücktritt – und offenbarte darin sein korruptes Amtsverständnis. Davon erzählt Ron Howard in seinem ungewöhnlich spannenden Politthriller "Frost/Nixon".
Richard Nixon tobt. Gerade hat er eine Rede gehalten – bei einer lächerlichen Wohltätigkeitsveranstaltung in der Provinz. Nun hat er sich in die Spülküche geflüchtet, im schwarzen Anzug steht er zwischen den Geschirrwagen und beschimpft seinen Assistenten für diesen Auftritt. Der einstige Präsident Amerikas, dieser bullige Machtmensch, den sie "Tricky Dick" nannten, ist hinter den Kulissen angekommen – in der Bedeutungslosigkeit. Und Nixon weiß das. Also fasst er einen Entschluss: Er will sein Bild in der Öffentlichkeit geraderücken, will im Fernsehen beschwören, dass nicht alles schlecht war in seiner Amtszeit, auch wenn er als einziger Präsident der USA zurücktreten musste. Und da ist doch dieser windige Journalist aus England, dieser David Frost, der sonst Pop-Stars interviewt. Der soll die Fragen stellen, denn dann wird es keine unangenehmen geben, keine Fragen nach Watergate zum Beispiel.
"Frost/Nixon" heißt der neue Film von Ron Howard schlicht. Und er ist tatsächlich ganz auf das Kräftemessen zweier Männer konzentriert – auf das Duell zwischen dem gestürzten Spitzenpolitiker, der sein Ansehen zurückerobern will, und dem eleganten Journalisten-Dandy, der beweisen will, dass er auch harte Interviews führen kann. Zwei Außenseiter treten gegeneinander an; zwei, die sich verkannt fühlen und nach Anerkennung gieren; zwei, die wissen, dass sie ihren Gegner dafür vernichten müssen. Das ist Stoff für ein Drama.
Zugetragen hat es sich 1977. Damals entschloss sich Richard Nixon, ein einziges Mal im Fernsehen Stellung zu beziehen zu seiner skandalreichen Amtszeit. Zwölf Mal traf er sich mit dem britischen Journalisten David Frost, in vier Folgen wurde dieses Interview ausgestrahlt. Die finale Episode sahen 45 Millionen Amerikaner. Das Interview wurde Legende, denn Nixon ließ sich am Ende zur Wahrheit verleiten: Aus dem Fernsehen sagte er seinen Mitbürgern ins Gesicht, dass er sich als Präsident bewusst über das Gesetz hinweggesetzt hatte in dem Gefühl, dass Präsidenten über dem Gesetz stehen, dass sie machen dürfen, was sie wollen.
Nixon zu diesem fatalen Bekenntnis gebracht zu haben, war das Verdienst des David Frost. Doch sah es lange nicht danach aus. Denn in den ersten Folgen beherrschte Nixon das Gespräch und setzte sich tatsächlich als Staatsmann in Szene. Für Frost aber hing von dem Interview nicht nur sein Ansehen ab, sondern seine Existenz. Er hatte Nixon für das Gespräch bezahlen müssen und hoch gepokert. Frost setzte sein gesamtes Vermögen auf die Chance seiner Karriere, doch dann wollte keine Fernsehgesellschaft für die Exklusivrechte zahlen. Und irgendwann glaubten selbst die Rechercheure seines Teams nicht mehr daran, dass das Interview ein Coup werden würde.
Diese Hintergründe liefern "Frost/Nixon" den Spannungsbogen und machen den Film zu einem ungewöhnlich packenden Politthriller. Denn es geht nicht nur um die Geschichte eines bedeutenden Interviews, sondern um so typische Hollywood-Themen wie den Glauben an sich selbst, Loyalität, Risikobereitschaft. Michael Sheen, der in "The Queen" schon als britischer Premier überzeugte, zeigt einen David Frost, der das Leben als sportive Herausforderung erlebt, als Kette vergnüglicher Abenteuer.
Lange trägt Sheen dieses jungenhafte Gewinnerlächeln zur Schau, geht mit diesem federnden Gang des Machers, scherzt über alle Schwierigkeiten hinweg. Doch irgendwann sitzt auch er auf der Bettkante und zerrauft sich die Haare. Diesen Kontrast kostet Sheen aus. Genau wie die Sekunde im Interview, als Nixon endlich in die Falle geht. Ein ungläubiges "Was?" ist alles, was er auf Nixons Bekenntnis entgegnet. Doch liegt darin so viel ehrliches Erstaunen wie geheuchelte Entrüstung. Denn Frost weiß in dem Moment, dass er gewonnen hat, dass der Fall des Koloss seinen Aufstieg bedeutet. Sheen lässt all das im Gesicht seiner Figur erkennen, in dem winzigen Lächeln, das er um seinen Mund spielen lässt, als sein Blick noch ungläubig erstarrt.
Frank Langella dagegen ist ein wuchtiger Richard Nixon, der seine Bauernschläue hinter Behäbigkeit verbirgt. Zu Recht ist Langella für einen Oscar nominiert, denn es gelingt ihm, eine Figur, die zum Hassobjekt erstarrt ist, wieder lebendig zu machen.
Etwa in jener Szene, da Nixon ein paar Drinks zu viel geschluckt hat und die Wut des Emporkömmlings aus ihm herausbricht. Er hat sich in das Präsidentenamt gekämpft, weil er mächtig sein wollte, weil er allen zeigen wollte, dass er ganz oben ankommen kann. Und selbst nach seinem Fall sieht er nicht ein, dass er seinen Machtwillen verbrämen soll. Langella spielt also kein Ungeheuer, sondern einen Haudegen – allerdings keinen harmlosen. Dieser Nixon ist so scheinmüde und gefährlich wie ein Krokodil.
Nur beißt sich das Reptil am Ende ins eigene Fleisch. Seltener Fall. Mit großem Schauwert.
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