Sylvester Stallone noch einmal im Ring: Rockys letzter Kampf
VON FRANK NOACK - zuletzt aktualisiert: 07.02.2007 - 16:26Düsseldorf (RP). Rocky Balboa ist scheinbar einfach nicht totzukriegen. Ein richtiges Stehaufmännchen. Für den sechsten Teil der legendären Boxerfilme steigt Sylvester Stallone noch einmal in den Ring - und schafft ein würdiges Comeback. Eine weitere Folge soll es aber nicht geben.
Einem Sänger verzeiht man es, wenn er über Jahrzehnte hinweg dieselben Lieder vorträgt. Die Fans erwarten das sogar. Schauspielern wird mehr Variation abverlangt. Das Festhalten an alten Erfolgsrezepten gilt bei ihnen als Bankrotterklärung. Ausnahmen werden nur für ein paar große Künstler wie Charlie Chaplin gemacht, der über 25 Jahre lang den Tramp gab, oder Woody Allen, der seit über 30 Jahren den Stadtneurotiker spielt.
Keine Gnade können Stars des Erotik- oder Actionfilms erwarten: Sharon Stones Comeback mit „Basic Instinct 2“ wurde schlecht gemacht, bevor irgendjemand den Film zu Gesicht bekam, und auch über Sylvester Stallone ist gespottet worden, als bekannt wurde, dass er erneut die Boxhandschuhe anziehen werde. Niemand hatte nach dem schwermütigen „Rocky V“ (1990) - Rocky litt dort an einem Gehirnschaden - Lust auf einen sechsten Teil.
Zu früh gespottet: Bisher waren die Reaktionen auf „Rocky Balboa“ freundlich, und aus gutem Grund. Der Comeback-Film ist eine runde Sache, kein Geniestreich, aber auf keinen Fall eine Blamage. Stallone inszeniert weder veraltet-hausbacken noch übertrieben modern. Er lässt das Geschehen von einer ganz normal beweglichen Kamera einfangen und verwendet ganz normal flotte Schnitte.
„Rocky Balboa“ ist nicht kraftlos und auch kein Kraftakt. Stallone findet die richtige Balance zwischen Heroismus und Selbstironie. In seiner Heimatstadt in Philadelphia führt Rocky ein eigenes Restaurant, dessen Gäste sich weniger für das Essen als den Gastgeber interessieren. Manchmal spaziert Rocky um die Tische und erzählt von seinen alten Triumphen. Das ist nie peinlich, nie demütigend. Oder nur ein wenig.
Auf der inhaltlichen Ebene ist der Film erstaunlich komplex. Gleich vier Vater-Sohn-Beziehungen überschneiden sich. Rockys Sohn (Milo Ventimiglia) kommt gar nicht nach ihm; er versucht sein Glück an der Börse. Stallone zeigt keinen falschen Klassenstolz und respektiert das Bedürfnis des Jungen, Karriere zu machen.
Nebenbei spielt Rocky die Vaterrolle für den vaterlosen Steps (James Francis Kelly III), einen dunkelhäutigen Jungen mit Rastazöpfen. Vielleicht, hofft dessen Mutter, kann der Boxsport den Jungen vor einer kriminellen Laufbahn bewahren.
Der Schwergewichtschamp Mason Dixon (Antonio Tarver), gegen den Rocky seinen ersten Boxkampf seit 16 Jahren führen will, könnte ebenfalls sein Sohn sein. Übernimmt Rocky sich nicht, zumal der Kampf in Las Vegas stattfinden soll? Kein Problem für den alten Hasen, denn ihm geht es gar nicht ums Siegen. Dabeisein ist alles.
Bei dem vierten Vater-Sohn-Paar ist Rocky selbst der Sohn. Seit dem ersten Rocky-Film von 1976 verkörpert Burt Young den Schwager und väterlichen Freund Paulie. Man glaubt vorübergehend einem Familientreffen beizuwohnen, so vertraut sind die Darsteller.
Während Stallone drei Ehefrauen, fünf Kinder und einen Softsexfilm vorzuweisen hat, ist er in seiner Rolle als Rocky ein braver Mann, der seiner verstorbenen Frau nachtrauert.
Seine neue Liebe Marie (Geraldine Hughes) arbeitet nur aus Not in einer Bar. Wie anständig sie ist, betont Stallone, indem er sie mit zwei ordinären Huren vergleicht. Als die empört ihren Zuhälter auf ihn hetzen, könnte Rocky brutal zuschlagen. Vielleicht macht Stallone so etwas als Rambo, den er demnächst auch wieder verkörpern will. Doch sein Rocky ist ein weiser Mann von 60 Jahren, der längst vergessen hat, was Aggressionen sind.
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