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Kino-Kritik: Rührender Roboter

VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 25.09.2008 - 08:16

Düsseldorf (RP). Irgendwann hat es sich mit dem Müllrausbringen. Weil es kein Draußen mehr gibt, weil der Müll überall ist. „Wall-E – Der letzte räumt die Erde auf“, die neue computeranimierte Komödie der Pixar- Studios, zeigt uns eine Erde aus großer Höhe, die von einer präkolumbianischen Pyramidenzivilisation geprägt scheint. Bis die Kamera tiefer sinkt und wir die Tempelbauten als Müllklotzstapel erkennen. Ja, es gibt hier durchaus noch eine Stadt, aber sie ist zusammengewachsen mit ihren Abfällen. Ihre vermüllten Wolkenkratzer sind ununterscheidbar geworden von den Schrotthaufen.

Die Menschen haben hier am Ende keinen Müll mehr rausgebracht, sondern sich selbst, wie wir später erfahren werden. Sie sind auf einem Luxusraumschiff aufgebrochen zu einer Kreuzfahrt, die nun schon viele Generationen dauert. Umsorgt, umhegt, verhätschelt vegetieren die fernen Erben der Verantwortlichen dieser Konsumkatastrophe als fette, dösige, kaum noch gehfähige Cluburlauberkarikaturen in Schwebesesseln, deren Bildschirmfronten ein unablässig vor sich hinquiekendes Lebenssurrogat absondern. Alles wie im Lottogewinnertraum also, nur ein bisschen konsequenter.

Dieses bemerkenswert fiese Endstufenporträt des westlichen Freizeitideals müsste man in einem Familienfilm eigentlich für höchst verwegen halten. Hätte uns „Wall-E“, für den der „Finding-Nemo“- Regisseur Andrew Stanton verantwortlich zeichnet, nicht zuvor schon alle Erwartungshaltungen durchgerüttelt. Der schweigende Anfang von „Wall-E“ verstößt nämlich mit seinen Bildern der Müllapokalypse gegen alle Regeln des modernen Amüsierkinos. Nichts rast und tobt, nichts wird früh erklärt und zugeordnet, und als endlich ein Handlungsträger auftaucht, wird auf all das verzichtet, was jede Drehbuchschule zum Muss ausruft: auf die lustige Nebenfigur etwa, die Dialoge ermöglicht, in denen der Held sich sympathisch erweisen kann.

Info

Vorbilder für Wall-E

Der Kinoroboter ist der Hund der Chipgesellschaft. Wir sind gerührt von seiner Treue, aber wir weigern uns, zu glauben, die sei ihm von der Natur oder der Fabrik eingelötet. Wir wollen sie für einen Akt persönlicher Zuneigung halten. Der Titelheld von „Wall-E“ hat Vorbilder, die über Blechkameraden wie R2D2 aus „Star Wars“ hinausreichen. Die kleinen Gärtnerei-Roboter aus „Lautlos im Weltraum“ (1972) etwa oder auch Robbie aus „Alarm im Weltall“ (1956).

Unser Held ist ein kleiner Reinigungsroboter, eine fahrende Müllpresse im Format einer großen Kühltasche, ein sturer und schon etwas hinfälliger Rest einstiger Müllbeherrschungskonzepte, der nun nutzlose Recyclingrunden dreht, ein akkuschwacher Sisyphos in einer dramenlosen Welt. Wall-E rollt umher, presst Müll und sammelt allerlei Wunderlichkeiten. Aber nach welchen Kriterien er vorgeht und welche seltsamen Verwertungshoffnungen er hegt, verschweigt er uns. Wall-E besitzt kein Sprachmodul.

Der dialoglose Anfang von „Wall-E“ darf in die Ehrenhalle widerborstiger Erzähleröffnungen aufgenommen werden. Dabei hat Wall-E durchaus einen Gefährten, aber was für einen: eine kleine Kakerlake, offenbar das letzte organische Wesen des Planeten und so wenig sprachbegabt wie die rollende Müllpresse. Wie sehr diese Partnerschaft die Verzerrung normaler Teamseligkeit des Trickfilms ist, erkennt man daran, dass Wall-E mit seinen Walzen immer mal wieder versehentlich über die Schabe hinwegrasselt, was das Tierchen nur mit Ach und Krach überlebt. Dieser Film ist für Erwachsene düsterer als für Kinder.

Eine Sonde des Traumschiffs wird Wall-E auf der Erde entdecken, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Maschinen wird sich entwickeln, die nicht nur die emotionale Verkümmerung der wohlstandssatten Menschen hervorhebt, sondern auch von Schwierigkeiten geprägt ist. Die Sonde Eve besitzt Zwangsprogramme bis hin zum Killerreflex, die Liebe muss also eine extreme soziale Konditionierung überwinden. Aber so spöttisch schlau sich die von uns nicht ganz verratene Geschichte auch entwickelt, der große Reiz liegt im Design.

Das Raumschiffinnere und vor allem Eve zitieren das runde, elegante, schmiegsame Äußere der Apple- Produkte. Das ist mehr als Werbung für ein befreundetes Unternehmen. Apples Design spricht Kunden an, die sich eine humanere Technik wünschen, eine Versöhnung von Komfortstreben und Ökologie. Hier aber taucht es als Design einer Kultur auf, die solch eine Versöhnung nicht geschafft hat. Wall-E kann uns aus seinen Kameraaugen arg traurig anschauen. Er weiß schon, dass er hinter uns einmal nicht wird aufräumen können, egal, wie lange seine Akkuzellen halten.


 
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