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Sportlerdrama "Blind Side"
Sandra Bullock in ihrer Oscar-Rolle

Sandra Bullock: Oscar-Gewinnerin mit Humor
Sandra Bullock: Oscar-Gewinnerin mit Humor FOTO: AP
(RP). In "Blind Side" spielt die die 46-Jährige eine reiche Frau, die sich eines afroamerikanischen Teenagers annimmt. Die Geschichte orientiert sich an der Biografie des amerikanischen Football-Stars "Big Mike" Oher. Im Vergleich zur Hauptdarstellerin bleiben die Nebenfiguren blass. Von Peter Steinhart

Jetzt kommen sie gleichzeitig ins Kino, die zwei mit "Oscars" geschmückten Geschichten über arme, dicke und ungebildete afro-amerikanische Teenager. "Precious" (siehe unten) basiert auf einer Autobiografie, die brutale Realität spiegelt. "Blind Side" beruft sich ebenfalls auf eine "wahre Geschichte" – und wie so oft, wenn diese Versicherung einen Film einleitet, ist das Ergebnis ein schönes, der Realität entrücktes Märchen. Obwohl die Highschool-Jahre von "Big Mike" Oher erzählt werden, einem ganz realen Football-Star, bleibt dieser große schwarze Junge, um den sich vordergründig alles dreht, eine Nebenfigur: bloß der schönste Beweis für die schier grenzenlose Güte, Klugheit und Tatkraft seiner Retterin, einer reichen weißen Frau in Memphis, Tennessee, die ihn in ihre Familie holt.

Auftritt Sandra Bullock, die vielleicht gerade deshalb ein so beliebter Star blieb, weil sie in den vielen mäßigen Filmen ihrer langen Karriere stets den Eindruck vermittelte, sie sei eigentlich viel zu klug, um die ewigen Rollen des patenten Mädchens von nebenan ganz ernst zu nehmen. Es passt zu ihr, dass sie einen Tag vor der "Oscar"-Feier die "Goldene Himbeere", die sarkastische Auszeichnung als "schlechteste Schauspielerin des Jahres", selbst abholte und dabei den gescholtenen Film "Verrückt nach Steve" verteidigte. Und dass sie dann den "Oscar" erhielt für eine Rolle, die sie mehrfach abgelehnt hatte, und die zur erfolgreichsten ihrer ganzen bisherigen Laufbahn wurde.

White Chick hilft schwarzem Problemkind

Wahrscheinlich musste John Lee Hancock, der Drehbuchautor und Regisseur, noch an seinem Skript feilen, ehe Sandra Bullock endlich die Rolle einer erzkonservativen Südstaaten-Lady akzeptierte. Mit schlagfertigem Witz vermeidet sie jeden Hauch von billiger Sentimentalität. Sie gabelt den schwarzen "Big Mike", der in dürftiger Sommerkleidung durch eine winterliche Regennacht trottet, wie einen herrenlosen Hund auf, und gutmütig und schweigsam wie ein braves Haustier, das alle Freundlichkeiten der neuen Herrschaft dankbar entgegen nimmt, unterwirft er sich den energischen Erziehungs-Maßnahmen der eleganten Hausherrin. In der weißen Eliteschule, die den schwarzen Jungen als große Football-Hoffnung aufnahm und als talentlosen Versager schon wieder feuern wollte, sorgt sie für guten Nachhilfe-Unterricht – auch auf dem Sportplatz.

Abrupt fegt sie den Trainer beiseite und verwandelt mit wenigen Worten den ratlos herumstehenden Hünen in einen hitzig angreifenden Rammbock: "Dieses Team ist deine Familie. Du beschützt sie." Und schon macht Mike als "Tackle", als Beschützer des Quarterbacks, eine so steile Karriere, dass zu seinem Schulabschluss die Trainer der berühmtesten Universitäten bei ihm vorsprechen.

Waffennarrin mit Helfersyndrom

Diese Parade populärer Trainer des amerikanischen College-Football gehört zu den ironischen Glanzlichtern, die aus dem Porträt eines weiblichen Ausbunds aller Tugenden der weißen Südstaaten-Oberschicht eine vergnügliche, niemals langweilige Geschichte machen. Selbst wenn diese Blondine in ihrem perfekten Kostüm auf Stiletto-Absätzen durch Mikes heimischen Slum stöckelt, um bei seiner apathischen, drogensüchtigen Mutter die Erlaubnis zu seiner Adoption einzuholen, wirkt sie witzig in ihrer selbstbewussten Arroganz, mit der sie die Beleidigungen herumlungernder Nachwuchs-Gangster zum Verstummen bringt: Sie sei Mitglied der NRA, der nationalen Waffenlobby, und daher immer gut bewaffnet.

Aber gerade dann, wenn sie einhält in ihrem Tatendrang, der mit der Wucht eines Tornados alle Hindernisse beiseite fegt; wenn sie ihren Ehemann und ihre halbwüchsige Tochter befragt, wie sie mit dem Gerede der Freunde und Nachbarn über den Hausgenossen Mike zurecht kommen – dann wird deutlich, von was für blassen Nebenfiguren die Heldin umgeben ist. "Mikes Gabe", so räsoniert sie selbstgefällig über die bittere Kindheit ihres Schützlings, "ist die Fähigkeit, zu vergessen".

Der echte Mike Oher weicht den Fragen zur medialen Verklärung seiner Jugend als Triumph einer wohltätigen weißen Fee aus: Er habe, so behauptet er, die Buchvorlage kaum gelesen und den Kinohit gar nicht gesehen.

Bewertung: 3 von 5 Sternen

Quelle: RP
 
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