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Kino-Kritik: Scheinehe fürs Leben im Westen

VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 09.10.2008 - 09:55

Düsseldorf (RP). Das Leben ist eine Folge von Transaktionen, der Mensch ein Diener der Ökonomie. Moral, Gefühle, Wünsche, Träume sind nachrangige Elemente, die dem Geldkreislauf zu dienen und ihm gegebenenfalls zu weichen haben. „Lornas Schweigen“, der neue Film des belgischen Brüderpaars Jean-Pierre und Luc Dardenne, macht uns das gleich anfangs klar. Er beginnt mit einer Geldzählszene.

Szene aus "Lornas Schweigen".  Foto: Piffl
Szene aus "Lornas Schweigen". Foto: Piffl

Heirat auf Druck der Mafia

Lorna (die höchst eindrucksvolle Arta Dobroshi), eine junge Albanerin in Belgien, steht am Schalter der Bank. Sie spart für ein großes Projekt – eine eigene Snackbar in Lüttich. Aber die Schlussfolgerung, dass hier Geld einem Lebenstraum zuarbeitet, wird von den Dardennes konsequent zerfetzt. Sie enthüllen uns, wie Lorna nach Belgien und zu Geld kam, sie führen uns die rest- und rücksichtslose Integration einer menschlichen Existenz in den Geldkreislauf vor.

Lorna ist dank einer Scheinehe mit dem Junkie Claudy (Jérémi Renier) auf Vermittlung der Mafia im Westen. Ihr Leben mit ihrem Mann ist bloße Arbeit. Sie soll nicht lieben, sondern das Sterben des kaputten Typen beschleunigen. Wenn Claudy aus dem Weg ist, soll Lorna wieder heiraten und einen Russen in den Westen schleusen. Aber Claudy hat sich nicht aufgegeben. Er will leben und bittet um Hilfe.

Den schonungslosen Blick auf die Ränder der Gesellschaft sind wir von den Dardennes gewöhnt, auch die Suggestion, an den Rändern sehe man deutlicher, was sich im Kern abspiele. Die wacklige Handkameraarbeit hat in vielen Szenen starren, die Menschen gefangen setzenden Bildern Platz gemacht. Trotzdem hat „Lornas Schweigen“, der in Cannes den Drehbuchpreis gewann, wieder mehr Respekt vor seinen Figuren als „Das Kind“ (2005).

Ende des Fatalismus

Lorna und Claudy sind keine Schachfiguren. Sie werden in ihren Widersprüchen ernst genommen. Darum schlägt „Lornas Schweigen“ auch einen radikalen Haken und löst sich aus der fatalistischen Zustandsbeschreibung. Er schildert eine Rebellion gegen die Verhältnisse, er wagt sich vor bis zu Bildern, die durchaus religiöse Züge tragen. Man kann, deuten die Dardennes an, den Zwängen des Geldes Widerstand leisten. Aber man muss dann mit dem Äußersten rechnen und etwas haben, das einem Kraft gibt, eine nicht in Geldwert ausdrückbare Vision.


 
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