Film-Kritik: Schneeland: Nackt auf kalten Weiden
zuletzt aktualisiert: 17.01.2005 - 11:37Die Gesetze der zivilisierten Welt sind im Drama "Schneeland" noch nicht bis zu dem abgelegenen lappländischen Hof von Bauer Knövel vorgedrungen. Der macht sich nach dem Tod seiner Frau über seine Tochter Ina her und behandelt sie wie eine Sklavin. Nur die Liebe zum Pferdehirten Aron gibt Ina die Kraft, der häuslichen Hölle zu entkommen. Doch das Schicksal schlägt nochmal zu in Hans W. Geißendörfers Epos, das auf einem schwedischen Bestseller von Elisabeth Rynell basiert.
Und wer den Roman nicht kennt, wartet verzweifelt darauf, dass Ina dem patriarchalischen Ekel die Mistgabel über den sturen Bauernschädel zieht, damit das Elend ein Ende hat. Geißendörfers erster Film nach zehn Jahren Kinoabstinenz ermüdet bereits in den Anfangsszenen, die das ungesunde Treiben auf dem Hof durch einen im Heute spielenden Überbau belasten.
Maria Schrader, wie meist hübsch überspannt, mimt eine Familienmutter, die irgendwie voller Weltschmerz in einem im schwedischen Country-Stil eingerichteten Häuschen in jener nordischen Einöde lebt. Als sie vom Unfalltod ihres Mannes erfährt, stapft sie in suizidaler Absicht durch die Schneewüste, entdeckt den Einödhof und findet Inas Tagebücher.
Nicht nur wegen ihres schicken Mäntelchens, das prima nach Berlin-Mitte, aber nicht in ein Klima mit 20 Grad unter Null passt, wirkt die Figur so künstlich wie in einem hastig gedrehten TV-Film. Weil sich der Sinn dieser Rahmenhandlung nicht erschließt, muss Schrader, ganz wie im Fernsehstil, auch dauernd verbal nachhelfen und Dinge sagen wie "Alles vermischt sich".
Beim - von Schraders weidwunden Blicken unterbrochenen - Anwerfen der Rückblendenmaschine tauchen aber noch mehr Nebenfiguren auf, die alarmiert schauen, deren Funktion jedoch unklar bleibt. Es ist erstaunlich, wie es Geißendörfer schafft, in 140 langen Minuten so wenig zu erzählen, so wenig Atmosphäre und Zusammenhang zu entwickeln.
Grob gestricktes Inzest- und Vatermord-Drama
Angefangen beim anachronistischen Jargon jener muffigen Nordmannen, die in den Dreißigern leben sollen und mal altväterlich-gesetzte, mal flapsig-heutige Formulierungen im Mund führen, bis hin zum Schauplatz im unwirtlichen Nordschweden, der sich ebenso gut auf irgendeiner windigen Bergweide dieser Welt befinden könnte, sprechen hier weder Details noch Zeit, noch Ort. Die Grobgestricktheit dieses Inzest- und Vatermord-Dramas wird besonders in der Vaterfigur sichtbar, die von Ulrich Mühe mit solch hysterischer Theatralik verkörpert wird, als ob er um die Aufnahme in die Schauspielschule kämpfte.
Angesichts dieses weinerlichen Wüterichs nimmt sich Sonnyboy Thomas Kretschmann als holder Hirte Aron wie ein von den Stränden Kaliforniens eingeschwebtes Alien aus, obgleich auch er eine gequälte Seele sein soll. Doch sein Geheimnis bleibt ebenso Behauptung wie die Sinnlichkeit seiner Liebe zu Ina, denn für zwischenmenschliche Tiefenschärfe hat Geißendörfer keine Antenne.
Stattdessen verwechselt er ein archaisches Drama mit der Lizenz für grobschlächtigen Voyeurismus: Ina muss also dem alten Knövel nicht nur den Hintern abputzen, sondern sich auch ohne zwingenden Grund dauernd den Kittel abstreifen und in leberfleckenübersäter Nacktheit über kalte Weiden tanzen, - was nicht ergreifend, sondern unfreiwillig komisch wirkt. Übrigens waren Geißendörfer die Originalschauplätze der Geschichte, die ihm Elisabeth Rynell zeigte, laut Presseheft "viel zu lieblich", so dass er seine Darsteller in eisigere Gegenden verfrachtete.
Immerhin kann Julia Jentsch, die zuletzt in "Die fetten Jahre sind vorbei" glänzte und demnächst auch in "Sophie Scholl" zu sehen ist, mit ihrem nach innen gewandten Mienenspiel diesem schwerhändigen Kitsch etwas entgegensetzen. Sie beweist erneut, dass es mehr gute Darsteller als Regisseure in Deutschland gibt. Bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht eines schrecklichen Tages in Geißendörfers "Lindenstraße" auftaucht.
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