"Sie haben Knut": Höchst amüsanter 80er-Jahre-Film
zuletzt aktualisiert: 28.10.2003 - 14:54Frankfurt/Main (rpo). Die 80er Jahre werden allmählich interessant. Nach "Liegen lernen" und "Herr Lehmann" kommt jetzt "Sie haben Knut" in die Kinos, eine wunderbare Tragikomödie, die jene Zeit der inhaltslos gewordenen Politparolen und langwierigen Selbstfindungsbemühungen wieder lebendig werden lässt.
Schon der Anfang führt mitten hinein in die Welt des Jahres 1983. Ingo und Nadja haben sich in die einsame Tiroler Almhütte von Nadjas Eltern zurückgezogen, um ihre Beziehung zu klären. Jedenfalls ist das die Absicht von Ingo, der mit einem verschämt-verschachtelten Monolog ansetzt.
Doch bevor die Beziehungsdiskussion beginnen kann, trifft die Vorhut einer Volleyballgruppe in der Hütte ein. Es sind die Freunde von Nadjas Bruder Knut, die zum Skifahren gekommen sind. Ingos Einwände werden lässig abgewehrt: "Wir verstehen uns bestimmt." Doch Nadja sieht in unangekündigten Gruppe eine willkommene Ablenkung, und für Ingo wird es noch schwieriger, mit Nadja klarzukommen. Nach und nach treffen Knuts Freunde ein, nur Knut selbst nicht. In die Vorbereitungen zur ersten Pistenabfahrt platzt die schlimme Nachricht: "Sie haben Knut."
Der Politaktivist Knut ist verhaftet worden, mehr weiß man nicht. Dennoch ist man sich sicher, ihm könnte Isolationshaft drohen. Im Zwiespalt, den Urlaub abzubrechen, um vor Ort zu demonstrieren, oder dazubleiben, "um irgendwas in Knuts Sinne auf die Beine zu stellen", entscheidet sich die Gruppe fürs Bleiben.
Am späten Nachmittag leitet Wolfgang die Versammlungen, in denen ein bisschen palavert wird. Wolfgang, der vom Drehbuchautor Daniel Nocke gespielt wird, ist ein später 68er ohne Elan. Um andere mitzureißen, fehlt ihm einfach die Substanz.
Ein durch und durch bewundernswerter Film
Daniel Nocke und Regisseur Stefan Krohmer haben die frühen 80er Jahre als Kinder erlebt, ebenso alt wie die beiden Jungen im Film, die die Erwachsenen genau beobachten. Sie zeigen eine Generation, die nicht mehr so recht an die politischen Überzeugungen ihrer Vorgänger glauben kann. Den tatsächlich stattfindenden gesellschaftlichen Veränderungen steht sie konzeptionslos gegenüber, was sie sich aber nicht eingestehen will. Stattdessen werden private Freiheiten in Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung ausgelotet.
Als Zuschauer weiß man nicht, was man an diesem Film mehr bewundern soll: Nockes lebensechte Dialoge und sein Sinn für bezeichnende Situationen oder Krohmers Inszenierungskunst, die aus einem Ensemble von Theaterschauspielern (Hans-Jochen Wagner und Valerie Koch) und TV- und Filmdarstellern lebensechte Personen macht.
In seinem Film wirkt kein Satz aufgesagt, keine Bewegung vorgespielt. Dabei kommt es gerade auf die Kleinigkeiten an, auf die Blicke und Gesten, auch auf das Schweigen, das mehr vom Innenleben der betreffenden Person verrät als die ohnehin vernebelnden Reden. Mit verblüffender Genauigkeit schildert Grimme-Preisträger Stefan Krohmer in seinem ersten Kinofilm einen Mikrokosmos der 80er Jahre, distanziert, sarkastisch zuweilen und ohne die Betulichkeit, die man so oft in deutschen Filmen findet. Er hält der Generation seiner Eltern einen Spiegel vor, der ihnen nicht angenehm sein kann. Sein Film ist dafür umso amüsanter.
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