Film-Kritik: Sin City: Stadt der rohen Gewalt
zuletzt aktualisiert: 08.08.2005 - 09:07Zartbesaitet sollte nicht sein, wer sich "Sin City" ansieht. Regisseur Robert Rodriguez hat die Comics heftig und brutal verfilmt, die Episoden um harte Männer und sexy Frauen wurden ohne Kompromisse gedreht. Herausgekommen sind Szenen, die düster und pessimistisch sind, und sicher nicht für jeden geeignet.
Nur sehr selten wird in Deutschland ein Film mit der Auflage "Keine Jugendfreigabe" versehen. Denn es müssen schon ganz besondere Auswüchse an Gewalt oder Sex registriert werden, wenn die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) der Branche sich zu einem solchen Urteil durchringt, das einen Gutteil der eifrigsten Kinogänger vom Besuch ausschließt. Aber bei Hollywoods neuer Comic-Verfilmung "Sin City" hatten die FSK-Mitglieder keine andere Wahl - zu abstoßend brutal, zu menschenverachtend ist das Geschehen auf der Leinwand.
Regisseur Rodriguez und Zecihner Frank Miller, der Schöpfer der dem Film zu Grunde liegenden drei Comic-Bände, haben die Geschichten um Gewalt und Sex gemeinsam in Szene gesetzt. Stilistisch ist der in Schwarz-Weiß gedrehte Streifen mit wirkungsvoll grellen Farbeinschüben ein sichtlich ambitioniertes Unterfangen, das von etlichen prominenten Darstellernamen auf der Besetzungsliste noch aufgewertet wird. Millers "Graphic Novels" erfreuen sich unter Comic-Lesern eines legendären Rufs mit ihrer dunklen Sicht auf Menschen und Gesellschaft.
In dieser Welt ist Liebe nur eine etwas andere Variante von jener Gewalt, die ansonsten in allen nur denkbar grausamen Formen vollzogen wird. Das geht gleich am Anfang los, wenn sich ein attraktives Paar auf einer Dachterrasse heftig küsst, aber das Geturtel nicht etwa im Bett, sondern mit heimtückischen Mord endet. Nach dieser schockierenden Ouvertüre läuft eine Gewaltorgie ab, die so ziemlich alles übertrifft, was Hollywood selbst in seinen härteren Produktionen dem Publikum anzubieten pflegt.
Rodriguez und Tarantino Brüder im Geiste
Zwar wird mit der eigenwilligen Farbkomposition, der raffiniert eingesetzten Digitaltechnik und lakonischen Dialogen viel Kunstwillen demonstriert und auch erstaunliche Kunstfertigkeit unter Beweis gestellt. Doch wofür der ganze Aufwand? Um zu zeigen, wie ein vom Maskenbildner monströs unkenntlich gemachter Mickey Rourke als Rächer einer ermordeten Hure eine breite Blutspur hinterlässt? Um zu zeigen, wie ein herzkranker Polizist, gespielt von Bruce Willis, sich mit einem perversen Pädophilen duelliert, mit dem Resultat übel zerschossener Körper?
Es wundert nicht, dass auch "Pulp Fiction"-Regisseur Quentin Tarantino am Film seines Freundes Rodriguez mitgewerkelt hat. Für beide ist extreme Gewalt ein Spielerei, von der sie nicht genug haben können. Rodriguez wie Tarantino sind zweifellos begabte Filmemacher, die allerdings nichts zu erzählen haben, was von Belang wäre. Umso drastischer fällt das aus, was sie zeigen. Es wird Kinobesucher und auch Kritiker geben, die das begeistert. Wer aber nicht davon absehen will, wie widerwärtig gewaltverherrlichend und gewaltverharmlosend ein Film wie "Sin City" ist, den kann auch die stilistische Brillanz seiner Machart kaum von der Berechtigung solcher Hollywood-Produktionen überzeugen.
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