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Kino-Kritik: Späte Leidenschaft

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 14.08.2008 - 09:24

Düsseldorf (RP). Zynismus ist auch nur ein Versuch alternder Männer, Haltung zu bewahren angesichts des eigenen Verfalls. David Kepesh ist so ein Mann. Literaturprofessor, Kunstliebhaber, Weinkenner. Ein brillanter Denker, der seine Familie vor Jahren schon verlassen hat, um sich auf dem Campus keine Affäre entgehen zu lassen. Er studiert junge Frauen wie Gemälde, genießt seine intellektuelle Überlegenheit, und wenn er die Beziehungen nach kurzer Zeit beendet, fühlt er sich der Jugend zumindest um diesen Schritt voraus.

Bis er Consuela entdeckt auf einer der Affärenanbahnungs-Partys in seinem Haus, eine seltsam unmodische Schönheit mit Haarreifen, Perlsteckern, Twinset. Er verliebt sich in diese unzeitgemäße junge Frau aus reicher kubanischer Familie, und auf einmal gerät die Rolle des abgeklärten Liebhabers in Gefahr, die er sich fürs Altwerden zurecht gelegt hat. Denn auch Consuela fühlt sich zu dem gewandten Literaturprofessor hingezogen, nicht aus Berechnung, nicht aus Bewunderung – sondern aus Liebe. So wird aus der Affäre Ernst, Verbindlichkeit droht, und der Liebhaber gerät in Panik.

„Ein sterbendes Tier“ heißt der Roman, in dem der amerikanische Autor Philip Roth die Geschichte vom alten Mann und der jungen Geliebten erzählt und in eine tragische verwandelt. Denn am Ende ist es Consuela, die dem Tod aus nächster Nähe ins Gesicht blickt. Und zu spät erkennt der eloquente Lebemann, dass Liebe nicht von kurzer Dauer sein muss, um Leidenschaft zu sein. Geschrieben ist dieses geschickte Ironie-des- Schicksals-Stück mit Roth’scher Macho-Larmoyanz, psychologisch genau, waidwund, männlich.

Und nun hat sich eine Frau diesen Roman vorgenommen, die spanische Regisseurin Isabel Coixet, die mit dem stillen, zarten Film „Mein Leben ohne mich“ schon einmal bewiesen hat, dass sie Dramen ohne Pathos und dadurch um so viel ergreifender inszenieren kann. Doch geschieht nun nicht, was so sehr auf der Hand liegt und sich so schön formulieren ließe. Sie wirft keinen weiblichen Blick auf die Geschichte, macht Consuela nicht zur Heldin, den Professor nicht zum armen Narr. Coixet interessiert sich viel zu ernsthaft für diesen Mann, der spät lieben lernt und trotz lebenslanger manischer Selbstanalyse einsehen muss, wie dumm er lange war.

So erzählt Coixet die Geschichte durchaus aus männlicher Perspektive: Die Kamera blickt auf Consuelas Schönheit wie Kepesh es tut, mit distanziertem Genuss, nicht lüsternd, sondern melancholisch. In blauen, grauen, braunen Umgebungen ist sie zu sehen: Penélope Cruz, die eine perfekte Besetzung für diese Rolle ist. So ernst, wie Consuela ihre Liebe nimmt, so unbedingt hat sich Cruz in diese Figur hineingearbeitet. Zwar ist sie eine Spur zu sehr die konservative, kubanische Einwanderin. Aber die selbstgewisse, nie eitle Art, mit der sie ausstrahlt, dass sie schön ist, hat genau den Ton, den diese Rolle braucht.

Und dazu Ben Kingsley, der so schmerzlich versonnen schauen kann, als habe er in den schönsten Momenten den Tod immer mit im Blick. Zugleich glaubt man ihm auch diese wütende Abgebrühtheit, mit der er all die romantischen Vorstellungen von Liebe, Ehe, Familie seziert. Kingsley kann das: Skeptiker sein. Mit dieser tiefen Falte um den Mund gibt er den Intellektuellen, der Konventionen hasst, keinen falschen Gefühlen aufsitzen will, vielleicht aber auch nur Angst hat vor Bindungen, die ihm das Sterben schwer machen werden.

Teilen kann er seine Betrachtungen mit hervorragenden Schauspielern in Nebenrollen. Dennis Hopper ist sein Literatenfreund und Squashpartner, der Kepeshs neue Leidenschaft mit lakonischem Spott begleitet. Und Patricia Clarkson als Kepeshs langjährige Geliebte ringt genau wie der Professor um Haltung angesichts der Erkenntnis, dass ihr Leben als Karrierefrau einsam zuende gehen wird.

Isabel Coixet erweist sich mit „Elegy“ als kluge Kalkulatorin großer Gefühle. Ihr gelingt ein Kammerspiel, in dem kein Wort zu viel gesprochen, keine Szene zu viel gezeigt wird. So gelingt ihr ein Film, der edel, elegant anrührend ist. Weil Vergänglichkeit schmerzt. Egal in welchem Alter.


 
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