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David Cronenbergs Psychokrimi entführt in den Wahnsinn: Spider: Ralph Fiennes im Spinnennetz der Qualen

zuletzt aktualisiert: 07.06.2004 - 09:17

Eigentlich ist er eher ein Schönling - doch im Psychokrimi "Spider" spielt Ralph Fiennes einen verwirrten Psycho. Anders als Charlize Theron, die für "Monster" stundenlang in die Maske musste, verlässt sich der Mime ganz auf sein Schauspieltalent. So ruft er, abgewrackt und geistig verwirrt, gleichzeitig Mitleid und Widerwillen hervor.

Doch "Spider", bereits im Jahre 2002 in Cannes gefeiert, hat erst jetzt einen deutschen Verleih gefunden - obwohl der kanadische Kult-Regisseur David Cronenberg Regie führte. Die Story: Dennis, gerade entlassen aus einer Anstalt für Geisteskranke, zieht in ein Londoner Männerwohnheim. Er unternimmt Streifzüge in die heruntergekommene Umgebung, die er gut zu kennen scheint, und versucht, hastig mit nikotingelben Finger in sein Tagebuch kritzelnd, seine empordrängenden Erinnerungen zu entschlüsseln. Und da weder eine eindeutige Erzählperspektive noch erklärende Off-Stimme existieren, befindet sich der Zuschauer stets auf der Augenhöhe des schizophrenen Dennis und muss dessen Erinnerungsfetzen für bare Münze nehmen.

Wie schwankende Gestalten in einem rasenden Karussell, die bei jeder Umdrehung andere Facetten enthüllen, ziehen Dennis' Dämonen vor seinem inneren Auge vorbei: die graugesichtige Mutter, die ihren Sohn "Spider" (Spinne) nennt und sein abweisender Erzeuger. Der Vater, ein Klempner, verdrückt sich immer öfter ins Pub, verfällt einer vulgären Hure und erschlägt seine Angetraute.

Surreale Endzeit-Atmosphäre

Cronenberg inszeniert das Ineinandergreifen von Realität, Erinnerung und Wahn so simpel wie intelligent. Wenn der erwachsene Spider sich erinnert, schaut er durchs Fenster seines bescheidenen Elternhauses oder sitzt am Pub-Tresen, beobachtet seine Eltern und sich selbst als kleinen Jungen. Dass Mutter, Hure, und sogar die strenge Wirtin des Obdachlosenheimes dieselbe Frau zu sein scheinen, steigert die Irritation.

Miranda Richardson und Gabriel Byrne sind großartig, aber vor allem Fiennes spielt seine Rolle des unappetitlichen, stammelnden Paranoikers so intensiv, dass man seine ungewaschenen Kleider förmlich riecht; die braunstichige Düsternis der Umgebung suggeriert eine surreale Endzeit-Atmosphäre.

Statt Ekeleffekte mit einer realen Spinne, wie man sie bei Cronenberg, Schöpfer des Horrorfilms "Die Fliege", eigentlich erwartet hätte, zeigt der Psychothriller poetische Hirn-Gespinste: Eine Glasscheibe zersplittert wie ein Spinnennetz, und der kleine "Spider", der in seinem Elternhaus kreuz und quer Schnüre aufspannt, wird buchstäblich zum Strippenzieher.

Doch alle Meisterschaft von Regisseur und Team können nicht die banale Pointe dieser Literaturverfilmung verdecken: Zu offensichtlich ist der Auslöser der überaus raffinierten Spiegelungen und doppeldeutigen Bilder ein Verbrechen, das Spider vor sich selbst verstecken muss.

Zwar wird alles, wie stets bei Cronenbergs freudianisch-existenzialistisch geprägten Obsessionen, von den Ausgeburten des Unbewussten, von Sex, Angst und Perversion gesteuert und verfehlt auch hier seine verstörende Wirkung nicht. Selbst wenn der Horror, den Körper bei Cronenberg stets auslösen, subtil bleibt: Der quallige Busen, den die betrunkene Hure Yvonne einmal vor dem kleinen, auf seine Mutter fixierten Spider entblößt, ist der einzige, wenn auch folgenreiche, Schockeffekt.

Die grimmige Hoffnungslosigkeit der meisten Szenen allerdings erstickt jeden zaghaften Trost im Keim, und so mündet die allmähliche Wiederkehr des Verdrängten vorhersehbar in einen quälenden Teufelskreis. Mit dem Effekt, dass man den Film bewundert, aber nicht unbedingt zwei Mal ansehen möchte.

Schon von den Eltern gequält: Dennis "Spider" Cleg (Ralph Fiennes).  Foto: RPO
Schon von den Eltern gequält: Dennis "Spider" Cleg (Ralph Fiennes). Foto: RPO

 
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