Oliver Stone und der US-Erzfeind: Stone trifft Castro: "Comandante"
zuletzt aktualisiert: 10.01.2005 - 10:08Star-Regisseur trifft Staatschef: Aus der Begegnung zwischen Oliver Stone und Kubas mächtigstem Mann Fidel Castro ist ein zwiespältiger Dokumentarfilm geworden, der am Donnerstag (13. Januar) unter dem Titel "Comandante" in die Kinos kommt.
Was immer man von Fidel Castro halten mag: Der kubanische Präsident ist schon zu Lebzeiten eine legendäre Gestalt, die Geschichte geschrieben hat. Solche Gestalten haben den amerikanischen Filmemacher Oliver Stone schon immer fasziniert. Für seine Dokumentation "Comandante" ist Stone nach Havanna zum US-Erzfeind gereist, um mit dem alten Revolutionär viele Stunden dauernde Gespräche zu führen, deren Zusammenschnitt neue Einblicke in Castros Persönlichkeit ermöglichen.
Wie ein Freund behandelt
Stone wird von Castro wie ein Freund behandelt, doch der alte politische Fuchs ist stets auf der Hut, bedenkt jede seiner Antworten auf die Fragen des Amerikaners sehr genau und formuliert bedächtig. Kubas Diktator, der sich viel eher als Sklave seines Volkes und seines Werkes empfindet, weiß nur zu gut, welche Breitenwirkung gerade das filmische Porträt eines international so berühmten und renommierten Mannes wie Stone haben wird. Ungeachtet dessen zeigt der mit Impressionen kubanischen Alltagslebens angereicherte Film, welch Charisma der nun 78-jährige, alte Mann noch immer hat und welche Begeisterung Castro zumindest bei einem Teil seines Volkes weiterhin wachruft.
Auch Stone ist fasziniert von dem Revolutionsveteran. Das tut dem Film nicht immer gut, denn Castro weiß um seine Wirkung auf den Amerikaner und nutzt die Gelegenheit, sich selbst, seinen Mythos und den kubanischen Sozialismus im besten Licht zu präsentieren. Das kann dem Mann, um den es nach dem Zusammenbruch des "realen Sozialismus" sowjetischer Prägung so einsam geworden ist, niemand verübeln. Man kann aber Stone durchaus vorwerfen, mit seinen Fragen an Castro diesen kaum in Verlegenheit gebracht zu haben. Meist kommt der Filmemacher über die Rolle eines Stichwortgebers kaum hinaus. Aber vielleicht war das auch der Preis dafür, Castro so nahe kommen zu dürfen.
Nicht mit Pinochet oder Honecker zu vergleichen
Wenn Stone allerdings versucht, Castros Privatleben zu thematisieren, stößt er auf entschiedene Abwehr, ja offene Unwilligkeit seines Gesprächspartners. Doch das ist eigentlich ein sehr sympathischer Zug an dem Kubaner, sich nicht so entblößen zu wollen, wie es in den westlichen Demokratien inzwischen für prominente Politiker - gewollt oder ungewollt - zur Tagesordnung gehört. Manchmal sitzen Castros Sohn und der Enkel mit am Tisch, sie bleiben aber stumm, denn es gibt nur eine Hauptperson, nämlich den alten Mann im Kampfanzug.
Castro, das macht Stones Film sehr klar, ist bei aller Macht über das kleine Inselvolk ein lebenslanger Gefangener seines Werks und seines Ruhms. Und es wird ebenso ersichtlich, dass Kubas noch immer fast unumstrittener Machthaber von ganz anderer politischer und menschlicher Statur ist als die Pinochets oder Honeckers. Er hat nicht nur etliche feindlich gesinnte US-Präsidenten überdauert und ist vielen Anschlägen auf sein Leben entkommen. Fidel Castro ist in bald fünf Jahrzehnten an der Spitze Kubas zu einem lebenden Monument geworden, dem der Amerikaner Oliver Stone mit "Comandante" Tribut zollt - manchmal ein wenig zu viel.
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